"Bedrohlich
ist vor allem die legale Überwachung"
Im griechischen
Abhörskandal wurden Regierungsmitglieder, hohe Sicherheitsbeamte,
Geschäftsleute und Vertreter der Linken abgehört. Ein Gespräch
mit Nikos Giannopoulos
F:
Nicht nur die "üblichen Verdächtigen", auch Mitglieder
der griechischen Regierung wurden Opfer des jüngsten Abhörskandals
in Griechenland. Wie fühlt man sich, zusammen mit dem Minister
für Öffentliche Ordnung auf der Liste der Abgehörten zu stehen?
Ich bin mir sicher,
dass seit Jahren nicht nur mein Telefon abgehört wird. Jedes Mal,
wenn ich von Sicherheitskräften verhaftet wurde, nicht nur in
Griechenland, sondern auch beispielsweise vor 15 Jahren in der
Türkei oder vor fünf Jahren in Jordanien, kannten die lokalen
Behörden erschreckend genaue Einzelheiten aus meinem politischen
und persönlichen Leben. Natürlich war ich jetzt jedoch überrascht,
die Ehre zu haben, mich zusammen mit der Bürgermeisterin von Athen
und dem Ministerpräsidenten in einer "Opfergemeinschaft"
zu finden.
F: In der Presse
wird vor allem der Skandal des abgehörten Regierungsapparates
behandelt. Die ebenfalls abgehörte außerparlamentarische Opposition
fällt dabei eher unter den Tisch. Wie schätzt man in der griechischen
Linken die Bedeutung der Abhöraktion ein?
In der Frage
der Bespitzelung verdient vor allem die legale und nicht die illegale
Überwachung unsere Aufmerksamkeit. In den letzten Jahren wurden
eine Reihe nationaler Überwachungsgesetze verabschiedet und international
beschlossene Regelungen auf Landesebene umgesetzt. Das eigentliche
Problem ist also das erzeugte Klima der Terrorhysterie, das wir
mit dem Slogan »die neue Weltordnung ist ein Gefängnis« beschreiben.
Solche extremen Auswüchse der Spitzelmentalität, wie der jetzt
zutage getretene Skandal, geben den Menschen allerdings die Gelegenheit
zu begreifen, wie schlecht es um die
Sicherheit der Privatsphäre des Normalmenschen bestellt ist, wenn
sogar der Ministerpräsident abgehört wird.
F: Wer könnte
hinter der Abhöraktion stecken?
Für mich besteht
gar kein Zweifel, dass die USA hinter der ganzen Geschichte stecken.
Nur die USA sind derartig misstrauisch, dass sie glauben, selbst
enge Verbündete überwachen zu müssen. Nur für die USA stehen generell
alle Völker des Nahen und Fernen Ostens sowie alle Antikriegsbewegungen,
alle antirassistischen Netzwerke und Organisationen, die sich
mit der Verteidigung von politischen und demokratischen Rechten
befassen, unter Terrorismusverdacht. Unser
Netzwerk für politische und soziale Rechte ist seit Jahren Zielscheibe
von Angriffen in- und ausländischer staatlichen Repression. Dabei
machen wir keinen Unterschied; jedem Menschen, dem freien Bürger
genauso wie dem für politische oder kriminelle Delikte Eingesperrten,
stehen die gleichen von der Verfassung garantierten Rechte zu.
Wenn man dazu noch bedenkt, dass unser Netzwerk eng mit Netzwerken
zur Verteidigung der Rechte von Migranten und Flüchtlingen zusammenarbeitet,
versteht man leicht, warum wir ein Dorn für Staat und Polizei
sind, auch wenn wir kein starker und mächtiger Verband sind.
F: In letzter
Zeit macht das Athener Innenstadtviertel Exarchia,
in dem auch das Netzwerk beheimatet ist, Schlagzeilen als Schauplatz
heftiger Auseinandersetzungen zwischen Polizei und den Kräften
der autonomen oder anarchistischen Szene. Was steckt dahinter?
Die staatliche
Repression in Griechenland hat an Heftigkeit zugenommen. Quasi
als Pilotprojekt davon betroffen ist Exarchia,
in dem nicht nur wir, sondern viele Organisationen, besonders
anarchistische oder autonome, ihre Büros haben. Hier soll einerseits
versucht werden, die gesamte anarchistische Bewegung zu kriminalisieren.
Gleichzeitig dienen Polizeieinsätze in Exarchia
zur Förderung der Terrorhysterie in weiteren Teilen der Bevölkerung.
Auch unser Netzwerk
wurde in letzter Zeit verstärkt angegriffen. Sondereinheiten stürmten
unsere Büros, Mitglieder des Netzwerkes wurden zu »freundlichen
Verhören« in die Polizeiwachen gebracht und bedroht.
Interview: Heike
Schrader, Athen
junge Welt, 13.02.2006
* Nikos Giannopoulos
ist Mitglied des griechischen »Netzwerkes für politische und soziale
Rechte« und gehört zu den Abgehörten
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