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in Athen 2006


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»Ihnen wurde eingeschärft zu schweigen«

Geheimdienstler in Griechenland vor Gericht. Sie sollen Menschen pakistanischer Herkunft verschleppt und unter Druck gesetzt haben.

Ein Gespräch mit Giorgos Goudounas

* Giorgos Goudounas ist Anwalt in Griechenland. Er vertritt Menschen pakistanischer Herkunft, die vermutlich vom griechischen Geheimdienst verschleppt wurden

F: In Griechenland beginnt ein Prozeß gegen Geheimdienstagenten. Ihnen wird das Verschleppen von Menschen pakistanischer Herkunft vorgeworfen. Was ist da passiert?

Die Geschichte beginnt vor zehn Monaten. Nachdem mutmaßlich Pakistaner am 7. Juli 2005 Bombenanschläge in London verübt hatten, drangen am Abend des 15. Juli Geheimdienstagenten in Athen, Ioannina und vermutlich weiteren griechischen Orten in die Wohnungen dort lebender Pakistaner ein. Ihnen wurden Mobiltelefone abgenommen und die Augen verbunden. Anschließend verschleppte man sie, wahrscheinlich in die Nähe von Athen. Dort wurden sie über ihre Kontakte zu Landsleuten in Großbritannien verhört, zu religiösen Ansichten und ihren Verbindungen nach Pakistan befragt.

Die Verschleppten wurden bis zu sieben Tage festgehalten und dann mit verbundenen Augen im Zentrum von Athen freigelassen. Diejenigen, die aus der Gegend von Ioannina stammten, bekamen 100 Euro pro Person für eine Fahrkarte nach Hause. Allen wurde unter Androhung von Gefahr für ihr Leben eingeschärft, über das Erlebte Stillschweigen zu bewahren.

F: Wie ist der Fall an die Öffentlichkeit gekommen?

Ende Juli erstattete der Vorsitzende der Pakistanischen Gemeinde in Griechenland im Auftrag der Verschleppten Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Die Anzeige verschwand aber in der Schublade eines Sachbearbeiters. Die Medien griffen den Skandal erst Ende August auf, dann verschwand das Thema wieder aus der Öffentlichkeit. Erst im Dezember, nach einem Bericht des britischen Senders BBC, kam Bewegung in die Angelegenheit. Auf Anweisung des höchsten Gerichtshofes gab die Polizei die Untersuchung an die Staatsanwaltschaft ab – weil es nicht Aufgabe einer Behörde sein kann, gegen sie selbst oder ihr nahestehende Behörden erhobene Vorwürfe zu prüfen.

F: Die Regierung streitet bis heute eine Beteiligung griechischer Behörden an den Entführungen ab. Der damalige Minister für öffentliche Ordnung Giorgos Voulgarakis hat die Berichte der Pakistaner als Lüge und Provokation bezeichnet. Zu welchem Ergebnis kommt die Staatsanwaltschaft?

Nach Ansicht der untersuchenden Richter haben die Entführungen stattgefunden. Demnach wurden sie wahrscheinlich vom griechischen Geheimdienst EYP ausgeführt. Allerdings wurden von den acht belasteten Agenten des EYP, deren Namen durch Recherchen verschiedener Zeitungen bekannt wurden, sechs durch Alibis entlastet. Lediglich zwei sollen nun vor Gericht gestellt werden. Wir werden schon in diesem Punkt Einspruch einlegen, da sich die Alibis allein auf Urlaubs- oder Abwesenheitsbescheinigungen des EYP stützen. Wir fordern eine Gegenüberstellung mit den Verschleppten.

F: Sie gehen auch von einer Beteiligung des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 aus. Welche Indizien gibt es dafür?

An den Verhören waren Agenten beteiligt, die keine Griechen waren und englisch sprachen. Dies ist aber nicht das einzige Indiz. Voulgarakis, den wir im übrigen ebenfalls angeklagt haben, und auch der Chef des EYP haben bestätigt, daß eine kurz vor den Entführungen begonnene Operation, bei der Tausende ausländischer Mitbürger in Griechenland kontrolliert wurden, auf eine Initiative des britischen Staates zurückging. Wir können zwar nicht gerichtlich gegen den einzigen namentlich bekannten Agenten des MI6 vorgehen, da er diplomatische Immunität genießt. Wir werden aber gegen ihn, gegen unbekannte britische Agenten und gegen Außenminister Jack Straw sowie Minsterpräsidenten Tony Blair Klage wegen Anstiftung erheben.

F: Der Prozeß gegen die mutmaßlichen Entführer und Verantwortliche für den Vorfall wird in Kürze beginnen. Was versprechen Sie sich von dem Verfahren?

Unsere Anklage gegen Minister Voulgarakis wird wahrscheinlich abgelehnt. Der Fall wird aber mit Sicherheit unangenehm für die Regierung. Im Fall des Geheimdienstes und der Agenten wird die Sache interessant. Hier kann die Untersuchung vor Gericht vielleicht weitere unseriöse Praktiken des Geheimdienstes aufdecken. Es wird sich nicht nur die Frage nach der Arbeitsweise des EYP stellen, sondern auch die nach den Gründen seiner Existenz.


Interview: Heike Schrader, Athen