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Europäisches Sozialforum
in Athen 2006


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Seminare im Dreischichtsystem

Über 30 000 Teilnehmer werden ab heute in Athen zum 4. Europäischen Sozialforum erwartet / Widerstand gegen neoliberale Politik und Krieg steht im Mittelpunkt des ESF

Von Anke Stefan, Athen

»Verändern wir Europa, verändern wir die Welt! Unter diesem Motto tagt ab heute das 4. Europäische Sozialforum in Athen. Mehr als 30 000 Teilnehmer werden zu dem viertägigen Treffen in den ehemaligen olympischen Wettkampfstätten für Basketball und Fechtsport am Rande der griechischen Hauptstadt erwartet.

Während die deutsche Beteiligung mit nur etwa 400 gemeldeten Teilnehmern deutlich hinter das Engagement bei früheren Sozialforen zurückfällt, entsenden diesmal bisher schwächer vertretene Staaten Europas größere Delegationen. So haben sich fast 1500 Menschen aus der Türkei und mehr als jeweils 1000 Teilnehmer aus der Ukraine, Moldova, Russland, Belarus, aus Georgien, Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei sowie aus Griechenlands Nachbarland Bulgarien angemeldet.


Die Bandbreite der beteiligten Organisationen ist groß. Neben Friedens- und Antikriegsbewegungen, Flüchtlings- und Migrantenorganisationen, Umweltbewegten, Antiimperialisten, Frauengruppen und nationalen Befreiungsbewegungen finden sich Gewerkschaften, Globalisierungsgegner, Gefangenenhilfsorganisationen, Agrar-aktivisten und Vertreter der Kuba-Solidarität auf den Teilnehmerlisten. Daneben ist manch eine Organisation mit ganz speziellem Anliegen, beispielsweise die »Internationale Stiftung zur Unterstützung von Waisen und missbrauchten Kindern«, vertreten.


Eine große Rolle werden in Athen die Parteien spielen, egal, ob sie in Parlamenten oder gar Regierungen vertreten sind. Überhaupt scheint die Bezeichnung »Sozialforum«, unter der die Bewegung einst aufgebrochen war, um möglichst viele Formationen in der Gesellschaft, die nicht zum etablierten politischen System gehören, zu erreichen, nur noch als »Markenzeichen zur Wiedererkennung« zu dienen. Längst hat sich das Forum zu einem Treffpunkt entwickelt, auf dem die »klassischen« politischen Gruppierungen dominieren.


Das Programm des ESF ist extrem umfangreich. In je drei Schichten werden 210 Seminare und zahlreiche Workshops stattfinden. Die schon von anderen Sozialforen bekannte Dolmetscherorganisation »Babels« wird auch diesmal wieder dafür sorgen, dass die Redebeiträge und Diskussionen der Seminare in mehrere Sprachen simultan übersetzt werden. Nur in den für etwa 30 bis 50 Personen ausgelegten Workshops werden sich die Teilnehmer bei der Verständigung selbst helfen müssen.


Dieses Jahr finden die meisten Seminare eher im »kleineren« Rahmen, mit jeweils 50 bis 350 Teilnehmern statt. Trotzdem wird es natürlich einige Großveranstaltungen geben, die nicht nur viel Publikum, sondern auch die Presse anziehen sollen. So wurden sieben »zentrale Seminare« mit international bekannten Persönlichkeiten auf dem Podium angekündigt. Gleich drei davon werden sich mit der spezifischen Situation einzelner Länder beschäftigen, die im Zentrum imperialistischer Angriffe stehen: Im ersten zentralen Seminar wird sich Aleida Guevara, die Tochter Chés, für die Aufhebung des Embargos gegen Kuba einsetzen. Im zweiten geht es um Palästina und die Unterstützung der Intifada. Das dritte Hauptforum befasst sich mit dem Widerstand im besetzten Irak. Um ebenso aktuelle wie brisante internationale Entwicklungen geht es auch bei dem Seminar unter dem Titel »Antidemokratische Kreuzzüge, neue ›globale Feinde‹ und die Menschenrechte«. Dabei wollen sich die Teilnehmer ganz allgemein mit imperialistischen Strategien und dem Widerstand dagegen auseinander setzen.


Natürlich kommen auch die sozialen Themen bei den Veranstaltungen nicht zu kurz. Die Arbeiterbewegung im Zeitalter des Neoliberalismus wird bei der Diskussionsrunde »Privatisierungen, Arbeitslosigkeit und soziale Rechte« im Mittelpunkt stehen, als Redner sind u.a. Sprecher von Gewerkschaftsverbänden, darunter der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, und des Europanetzwerkes von attac angekündigt.
Zwei der zentralen Seminare stellen die Frage nach der Zukunft Europas, der globalen Bewegung und der Rolle der Sozialforen. In der ersten der beiden Veranstaltung sollen »Sprecher der Bewegung« aus Europa und Lateinamerika ihre Positionen und Erfahrungen erläutern, während in der zweiten die »offene Diskussion aller Fraktionen der europäischen Linken« auf der Tagesordnung steht.


Den Höhepunkt des 4. Europäischen Sozialforums wird sicherlich die Demonstration »gegen Armut, Krieg, Rassismus, Umweltverschmutzung, Sexismus und Besatzung« am Sonnabend bilden, die durch die gegenwärtige Drohung eines Militärschlages gegen Iran besondere Brisanz gewinnt.