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telepolis , 29.07.2004

von Heike Schrader

Hochsicherheitsolympiade mit leeren Stadien

In etwa 2 Wochen finden in Athen die 28. Olympischen Spiele der Neuzeit statt. Der Aufwand für die "Sicherheitsvorkehrungen" bricht schon jetzt jeden Rekord

In grauen Vorzeiten galten sie als die "Spiele des Friedens". Während der Dauer der Olympischen Spiele im antiken Griechenland wurden alle feindlichen Handlungen ausgesetzt. Eine entsprechende Initiative, leider ohne Erfolg, gab es auch für die jetzt stattfindende Olympiade in Athen. Die in den letzten Zügen liegenden Vorbereitungen der griechischen Hauptstadt scheinen allerdings eher einem 3. Weltkrieg zu gelten als den Olympischen Spielen des Friedens.

Um die 50 Bunker für Sportler und andere wichtige Persönlichkeiten stehen im Untergrund Athens verteilt für den Fall eines terroristischen Angriffs mit radioaktiven, chemischen oder biologischen Kampfstoffen bereit. Mehr als 50.000 Mann aus Polizei und Militär sind zum Schutz der Sportstätten und sonstigen olympischen Einrichtungen mobilisiert. Auch an ausländischen einschlägigen Institutionen ist alles, was Rang und Namen hat, vertreten. So kontrollieren schon seit Monaten Agenten von CIA, FBI, Mossad , des russischen KGB-Nachfolgers SVR und internationale "Anti-Terror-Teams" der NATO die Lage. Auch das deutsche BKA und der Bundesgrenzschutz sind mit von der Partie.

Die olympischen Stadien werden - soweit sie den Baustellenstatus beendet haben und fertiggestellt sind - mit Sprengstoffhunden durchsucht und danach hermetisch abgeriegelt. Bis zu den Spielen darf niemand die Sportstätten betreten. Für den Besuch einer Veranstaltung wird der Besucher dann penibler Kontrollen unterzogen. Alle Taschen werden durchleuchtet, der Sportsfreund selbst muss durch den Metalldetektor.

Darüber hinaus kontrollieren mobile oder fest installierte Prüfgeräte an vielen Olympischen Einrichtungen, ob der Besucher auch keine Spuren radioaktiven Materials aufweist. Dass damit auch Menschen, die sich vor kurzem einer Diagnose oder Therapie mit radioaktiven Isotopen unterzogen haben, zu potenziellen Terroristen werden, wird bewusst in Kauf genommen.

Das Olympische Dorf gleicht einer Festung. Die für 16.000 Sportler und Betreuer am Fuße des Berges Parnes errichtete Siedlung ist von einer Mauer mit Stacheldrahtabschluss und Wachtürmen umgeben. Am Eingangstor wird der Bewohner einer Kontrolle unterzogen, die den ehemaligen DDR-Grenzübergangskontrollen für unerwünschte Westler gleicht. Uniformierte Sicherheitskräfte durchsuchen jeden Wagen. Alle Koffer, Taschen und Tüten müssen geöffnet und inspiziert werden. Auch der bekannte fahrbare Spiegel zur Kontrolle des Wagenbodens kommt zum Einsatz. Nur im Tank gestochert wird vielleicht nicht.

Der sonst zu einem Spaziergang einladende Hafen von Piräus ist für Besucher geschlossen. Nur Reisende im Besitz einer Fahrkarte für eines der bald auslaufenden Schiffe haben Zutritt zum Pier. Wer etwa auf eintreffende Gäste oder Familienmitglieder wartet, muss vor den Toren die Ankunft der Fähre erwarten. Auf der Wasserseite kreuzen U-Boote und Taucher vor der Hafeneinfahrt. Nur die Fähren und die für die Spiele als schwimmende Hotels angemieteten Kreuzfahrtschiffe dürfen passieren.

Zutritt zu irgend einer der Olympia-relevanten Stätten hat nur, wer im Besitz eines entsprechenden Ausweises ist. Nicht nur die Mitglieder der Olympischen Familie, Sportler und Journalisten, auch Hausmeister, Reinigungskräfte, Techniker und Lieferanten kommen ohne Ausweis - trotz der scharfen Eingangskontrollen - in kein Olympiagebäude.

Dabei wurden schon im Vorfeld der Spiele Menschen, die aufgrund ihrer Lebensweise, Vergangenheit, Herkunft oder Religion für "Sicherheitsexperten" als "potenzielle Gefahr" gelten, ausgeschlossen. Vielen Einwanderern aus muslimischen Ländern wurde der erforderliche Ausweis "aus Sicherheitsgründen" verweigert. Ein Eintrag im Schengenregister reichte zur Legalisierung der Verweigerung aus. Keine Chance auf einen Job als Stadionreiniger hatte auch jeder Abhängige von illegalen Drogen. Und wer schon einmal wegen eines Verbrechens gegen den Staat oder die öffentliche Ordnung oder beispielsweise wegen Mordes, Raub oder Diebstahl verurteilt wurde, fiel ebenfalls durch das Sicherheitsraster.

Aber nicht nur die am olympischen Spektakel Beteiligten werden kontrolliert, beobachtet und durchleuchtet. Wer immer sich im August in Athen aufhält, wird von mehreren hundert Kameras beobachtet, die in der ganzen Stadt verteilt sind. An den Masten von fast zweihundert dieser Kameras sind zusätzlich ein Megafon und ein Mikrofon angebracht. Die von den Kameras und Mikrofonen aufgezeichneten Daten werden an die im Zentrum der Hauptstadt liegende Sicherheitszentrale weitergeleitet und dort gespeichert. Personenbilder und persönliche Gespräche der Beobachteten stehen Polizei und Geheimdiensten zur vollen Verfügung.


Giorgos Voulgarakis , der griechische Minister für öffentliche Ordnung hat schon angekündigt, die Kameras auch nach den Olympischen Spielen nutzen zu wollen. Schließlich habe das System etwa 300 Millionen Euro gekostet. Eine solche Investition ließe sich nicht mit einem Einsatz von nur 3 Wochen rechtfertigen. Die griechische Datenschutzbehörde hat den Einsatz der Überwachungskameras nur für den Zeitraum der Olympischen und der Paraolympischen Spiele genehmigt. Über eine weiterreichende Nutzung der "elektronischen Spitzel" wird nach den Spielen neu verhandelt.

Gerade erst zum Einsatz gekommen ist das neueste Mitglied in der Familie der "Big Brothers für Olympia". Ein 16 Stunden täglich am Himmel Athens schwebender Zeppelin sendet in Echtzeit Bilder aus Hochleistungskameras an die Sicherheitszentrale. Bei der kürzlich stattfindenden letzten Übung des Sicherheitsapparates fielen die Bilder allerdings wegen des dunstigen Wetters etwas sehr milchig aus. Außerdem riss der Kontakt der Bodenstation zum Luftschiff bisweilen ab. Dann waren die Bilder - auch in Echtzeit - wieder weg.

Dennoch ist es weniger die besonders von den Medien verbreitete Terrorhysterie und die mit den extremen Sicherheitskontrollen verbundenen Strapazen und Unannehmlichkeiten, die dafür sorgen, dass Griechenland mit schlecht besuchten Spielen rechnen muss. Schuld sind vielmehr vor allem die Preise. Schon in der Vergangenheit zählte Griechenland nicht unbedingt zu den billigen Urlaubsländern. Dieses Jahr planten viele Hotels und Gaststätten in und um Athen Aufschläge von bis zu mehreren hundert Prozent gegenüber dem Vorjahr.

So sollte eine Unterbringung in einem gewöhnlichen Zwei-Sterne-Hotel pro Nacht etwa 400 bis 500 Euro kosten. Suiten in Luxushotels oder auf den Hotelkreuzschiffen wurden zu Preisen von mehreren tausend Euro pro Nacht gehandelt. Bei diesen Preisen ist es kein Wunder, dass viele Touristen auch mit der Aussicht auf Eintrittskarten zu wahrlich erschwinglichen Preisen - für viele der Veranstaltungen sind schon ab 10 bis 15 Euro Karten zu haben - von einem Besuch der Spiele Abstand nehmen.

Inzwischen sind die Preise in vielen Hotels schon wieder gesunken. Die mehr als 6.000 immer noch leerstehenden Zimmer werden sich in den zwei Wochen bis zu Beginn der Spiele aber wohl nicht einmal mehr an noch ankommende ausländische Geheimagenten vermieten lassen.