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Im Trüben Fischen

Heike Schrader 29.12.2005

Griechischer und britischer Geheimdienst stehen im Verdacht, gemeinsam Migranten verschleppt zu haben

Nicht nur die CIA, auch ihre britischen Kollegen vom MI6 sind anscheinend nicht zimperlich, wenn es um Ermittlungen zur Aufklärung terroristischer Aktionen geht. So macht in Griechenland zur Zeit eine Massenentführung Schlagzeilen. Aber erst seit einer Veröffentlichung durch den britischen Nachrichtensender BBC ermittelt auch die griechische Staatsanwaltschaft.

Bekannt war die Geschichte schon seit langem. Schon im vergangenen August meldeten Medien die Berichte von sechs Migranten aus Pakistan und einem aus Kaschmir, die nach eigenen Angaben in Athen von Agenten eines ausländischen Geheimdienstes verschleppt und verhört worden waren. Im ihrem Auftrag hatte der Vorsitzende der Pakistanischen Gemeinde Griechenlands bei der Athener Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet.

Nach Angaben der Betroffenen drangen Unbekannte, die sich als Polizisten ausgaben, am Abend des 15. Juli gegen 23.00 Uhr in die Wohnung der sieben Migranten im Athener Stadtteil Petralona ein, verbanden ihnen die Augen und verschleppten sie an einen unbekannten Ort. Fünf der Entführten wurden zwei Tage später, am Sonntag den 17. Juli mit verbundenen Augen in den Nebenstraßen des Omonia Platzes im Zentrum Athens ausgesetzt. Die anderen beiden erhielten ihre Freiheit auf die gleiche Weise erst nach sieben Tagen am 22. Juli wieder.

Die eingeschüchterten Migranten machten zunächst keine genauen Angaben darüber, was während ihrer Gefangennahme an dem unbekannten Ort geschehen war. Allerdings ließen sie durchblicken, dass sie im Zusammenhang mit den kurz zuvor stattgefundenen Anschlägen in London verhört worden waren. Wenige Tage vor der Entführung war nach Mitteilung des griechischen Ministeriums für öffentliche Ordnung ein Beamter von Scotland Yard für Ermittlungen im Zusammenhang mit den Londoner Anschlägen in Athen eingetroffen. Auf dessen Antrag war ein anderer ebenfalls in Athen lebender Pakistaner zum Verhör vorgeladen worden.

Nachdem die sieben Migranten am 16. Juli nicht zur Arbeit gekommen waren, hatte der Arbeitgeber zunächst allein und am folgenden Tag in Begleitung eines Anwaltes nach dem Verbleib seiner Arbeiter geforscht. Die Nachfragen auf den Polizeidienststellen der Umgebung, der Athener Polizeizentrale, der Anti-Terror-Polizei und der Ausländerbehörde erbrachten jedoch kein Ergebnis. Niemand wollte die Gesuchten gesehen haben oder etwa eine Festnahme bestätigten.

Die Rolle der Medien

Auch die Anzeige der Verschleppten nach einer "Aufnahme von Ermittlungen zur Feststellung der verantwortlichen griechischen oder ausländischen offenen oder geheimen Dienste und die Verurteilung der Verantwortlichen" brachte zunächst keine Ergebnisse. Das griechische Ministerium für öffentliche Ordnung verneinte jede Verwicklung eigener Agenten oder Polizisten in eine Entführung und schloß eine eigenständige Aktion ausländischer befreundeter Geheimdienste auf griechischem Boden aus. Die mit den Ermittlungen beauftragte Polizei ließ die Akte im Regal verstauben.

Erst durch einen Bericht des britischen Nachrichtensenders BBC im Dezember kam Leben in die Geschichte. Nach Recherchen des Senders waren im Sommer nicht nur in Athen, sondern auch im westgriechischen Ionannina pakistanische Migranten verschleppt und verhört worden. Insgesamt handelte es sich um 28 Migranten. Einer der Entführten sagte, er sei geschlagen worden, ein anderer behauptet, man habe ihm eine Pistole in den Mund gesteckt und ihn bedroht. Wissen wollte man von ihnen offenbar, ob sie Gespräche mit den britischen Attentätern oder einem Verdächtigen in Pakistan geführt hätten. Polizisten, Agenten des griechischen Geheimdienstes EYP und zwei Kollegen vom MI6 sollen die Aktionen gemeinsam durchgeführt haben. Als die griechische Wochenzeitung "Proto Thema" die Namen eventuell beteiligter britischer Agenten veröffentlichte, wurde das Thema zum Politikum. Danach soll der griechische Regierungschef Costas Karamanlis den Briten die Erlaubnis für ihre Aktion gewährt haben. Der britische Ministerpräsident Tony Blair forderte die griechische Regierung auf, das "Verbrennen" von Agenten durch die Veröffentlichung von Namen zu verhindern.

Durch den Medienwirbel aufgeschreckt trat die griechische Staatsanwaltschaft nun in Aktion und forderte von der Polizei die Herausgabe der bisherigen Ermittlungsergebnisse. Eine Untersuchung durch die Polizei komme nicht mehr in Frage, da auch deren Beamte unter Verdacht stünden.

Der Vorsitzende der Staatsanwaltschaft Athen, Dimitris Papangelopoulos, nimmt die Vorwürfe der Pakistaner sehr ernst und hat eine rücksichtslose Ermittlung angekündigt. Er will eine Befragung von Polizei- und Geheimdienstmitarbeitern notfalls auch gegen den Willen des zuständigen Ministers für öffentliche Ordnung durchsetzen. Der bestreitet nach wie vor, dass die Entführungen überhaupt stattgefunden haben, während die Opposition bereits seinen Rücktritt fordert. Entweder decke Georgios Voulgarakis illegale Aktionen seiner Untergebenen und des MI6 oder aber er habe keine Ahnung, was in seinem Zuständigkeitsbereich vor sich gehe. Auch die britische Opposition fordert eine Untersuchung des Vorfalls.