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Trotziges Lächeln für Olympia

Die Athener Bürgermeisterin wurde beinahe selbst einmal Opfer eines Attentats. Jetzt tut sie alles, um die Spiele vor Anschlägen zu schützen.

Von Michael Thumann

Warum erregen sich so viele Nichtgriechen darüber, dass in Athen sieben Wochen vor dem Beginn der Olympiade immer noch die Baustellen blühen? Weil sie die Griechen nicht kennen.

Zum Beispiel Dora Bakojanni. Im neoklassizistischen Rathaus von Athen an der Platia Kotzia tritt sie hinter einer Bauplane hervor. Ihr Lächeln ist stärker als eine Umarmung, ihr fester Schritt räumt jeden Zweifel aus: "Das schaffen wir." Im schmalen Korridor nimmt die Bürgermeisterin mit kurzen Sprüngen den Weg zwischen Brettern, Eimern, Leitern und Bauschutt. Das Sekretärinnenbüro, in dem sie Asyl nimmt, ist klein, aber es reicht für die Arbeit der nächsten Stunde. "Das wird alles irgendwann fertig", lacht sie über die Baustellen. "Und 'irgendwann‘ ist der 13. August" - der Beginn der Olympischen Spiele.

Griechenland steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Die Spiele kehren an ihren Geburtsort zurück und bringen die ganze Welt mit nach Athen, in eine Stadt, die bislang kaum ihre eigenen Bewohner verkraftete. Eine Frage der Ehre für die Griechen, deshalb haben sie zwei Frauen an die Front geschickt. Gianna Angelopoulou-Daskalaki leitet das Olympia-Komitee, und Dora, wie die Athener ihre charismatische Bürgermeisterin liebevoll nennen, führt die Stadt in die Spiele. Kopfschmerzen bereiten Dora nicht die Baustellen, die sich aus eigener Kraft zuschütten lassen, wenn der Stichtag naht. Die größte Sorge ist jene Gefahr, die sich partout nicht kontrollieren lässt: der Terrorismus. "Dies ist die größte Massenveranstaltung nach dem Anschlag vom 11.September 2001", sagt Dora über die Spiele. "Wir müssen uns auf alles einstellen." Sie weiß, wovon sie spricht.

Es ist der 26. September 1989, morgens um zehn nach acht, als Dora Bakojanni in ihrer Wohnung alle fünf Telefone zugleich klingeln hört. Auch an der Haustür klopft es. Gute Freunde sind gekommen und fragen, ob sie wisse, was mit ihrem Mann geschehen sei. Zur selben Zeit sitzen ihre Kinder Alexia und Kostas im Schulbus. Der Fahrer dreht das Radio lauter, als der Sprecher die Nachricht vom Tod ihres Vaters verliest. Sieben Kugeln haben den Sprecher der konservativen Partei Nea Dimokratia (ND), Pavlos Bakojannis, niedergestreckt. Die Terroristen der Gruppe 17. November verlassen den Tatort fast schlendernd und tauchen unter.

Für Dora Bakojanni beginnt an diesem 26.September ein anderes Leben. "Meinen Kindern wurde der Vater genommen, weil seine Ideen bestimmten Leuten nicht gefielen", sagt sie. "Ich wollte nicht kapitulieren und stellte mich dem politischen Kampf." Ihre Stimme hat von den ungezählten Reden einen rauen Klang. Sie gewinnt den Wahlkreis ihres verstorbenen Mannes, sie wird Parlamentsabgeordnete der ND, dann Staatssekretärin und Kulturministerin unter ihrem Vater, Premier Konstantin Mitsotakis. Im Jahr 2002 wählt eine Mehrheit von 61 Prozent sie zur ersten Frau auf dem Bürgermeistersessel von Athen. Sie streitet gegen die Terroristenplage Griechenlands, den 17. November, dessen Anschlägen insgesamt 23 Menschen zum Opfer fallen. Dora setzt sich für eine harte Anti-Terror-Gesetzgebung ein.

Die Anstrengung lohnt sich. Bei einem missglückten Attentat im Jahr 2002 fliegt der geheimnisumwitterte 17. November auf und entpuppt sich als spießbürgerlicher Trupp von Ikonenmalern, KfZ-Mechanikern und Bienenzüchtern unter Führung eines verschrobenen Linksintellektuellen. Dora Bakojanni nimmt als Nebenklägerin am Prozess gegen die Verbrecher teil. Griechenland hat seinen heimischen Terror mit Hausmitteln besiegt.

Der islamistische Terrorismus dagegen feiert seine furchtbaren Erfolge weiter, in Westeuropa und im Nahen Osten. Wo ist die Bedrohung für die Olympischen Spiele von Athen? "Bisher haben wir keine konkreten Warnungen erhalten", sagt Dora. Was wird getan, um diese Bedrohung abzuwehren? "Viel." Denn wenn irgendetwas passiere, müsse Athen zeigen, dass es zuvor alles getan habe. In griechischen Zeitungen wird noch eine andere Variante des Anti-Terror-Kampfes diskutiert: Wer die Amerikaner nicht unterstütze, so das listige Kalkül, den treffe al-Qaida nicht. "Es ist ein Fehler vieler Griechen, sich einfach wegducken zu wollen", erbost sich Dora. "Das wird uns nicht helfen. Terroristen greifen ohne Rechtfertigung undifferenziert an - jeden."

Anders als Amerika-kritische Griechen es sich wünschten, setzte Dora vor dem Irak-Krieg eine Verurteilung Saddam Husseins im Stadtrat durch - und blieb doch populär. Heute arbeiten die Bürgermeisterin und die griechische Regierung mit den USA zusammen. "Sieben Länder, darunter Amerika und Deutschland, helfen uns mit ihrer Erfahrung. Und wir haben die Nato um Beistand gebeten", sagt Dora.

Wie soll die westliche Allianz Olympia schützen? Awacs-Flugzeuge kontrollieren den Luftraum, Nato-Schiffe und die 6. US-Flotte kreuzen in der Ägäis, Sondertruppen für biologische und chemische Angriffe stehen bereit. Eine Flugverbotszone schützt die olympischen Stätten. Am Boden sind 41000 griechische Wachleute im Einsatz. Israelische Spezialisten, die beim Zaunbau in Palästina Erfahrungen gesammelt haben, ziehen elektronisch vernetzte Sperranlagen hoch. Rund 1500 Kameras in der Stadt speisen ein Sicherheitssystem aus den USA mit Daten. "Wir wenden 1,2 Milliarden Euro für den Schutz der Spiele auf", sagt Dora, rund ein Fünftel der geschätzten Gesamtausgaben. Und doch weiß sie: Jeder Zaun hat irgendwo ein Loch.

Wie schnell man einem Anschlag zum Opfer fallen kann, hat sie selbst erlebt. Im Dezember 2002 schoss ein psychisch Kranker aus nächster Nähe auf Dora. "Ich hatte das Glück, dass ich mich gerade bückte", sagt sie hörbar leiser als sonst. "Die Kugel traf meinen Fahrer, zum Glück nicht lebensgefährlich." Wie schützt sie sich als Bürgermeisterin? "Ich kann nicht meine Arbeit tun und dabei Menschen meiden", sagt sie. "Ich denke gar nicht an die Gefahr."

Zaghaftigkeit liegt der 50-Jährigen fern, und was sie sich selbst verschreibt, das hält sie auch für ihre Stadt am besten. "Bei allen Sicherheitsmaßnahmen darf die Identität Athens nicht verloren gehen", sagt sie. "Wir wollen keine olympische Stadt, die aussieht wie ein Militärcamp. Wir freuen uns - das soll man sehen." Im August wird ein Netz von Musikbühnen, Straßentheatern und Stadtteilfesten die Stadt überziehen. Für Dora steht mehr dahinter als nur Gaudi. "Wir dürfen nicht zulassen, dass der Terror uns zwingt, unser Leben, unsere Freiheit, unsere Ideale eigenhändig zu zerschlagen." Und die Kameras in der Stadt? "Ein Teil bleibt auch nach der Olympiade am Platz", sagt Dora, "für die Verkehrsüberwachung."

Dora Bakojanni sagt, sie habe ihr eigenes Frühwarnsystem, falls die Freiheit in Gefahr gerate: ihre Biografie. Auf der Flucht vor der griechischen Junta ging ihre Familie ins Exil, als Dora 14Jahre alt war. Sie wuchs in Frankreich auf und demonstrierte dort gegen griechische Obristen und Pariser Polizisten. An der deutschen Schule in Paris organisierte sie einen Streik. Mit diesen Referenzen studierte sie später im München der siebziger Jahre. "Ich habe in den Junta-Jahren gelernt, dass Demokratie kein Kaktus ist. Sie muss ständig gegossen werden", sagt Dora. Ihre Art des Gießens ist es zu reden, zu überzeugen, zu werben. Am Montag wird sie mit olympiareifem Lächeln Berlin erobern, wenn sich Athen dort präsentiert.

Wo Dora ist, da ist die Mitte. Allein in ihrer Partei steht sie seit der Machtübernahme der ND im April etwas am Rande, während sie vor wenigen Jahren noch die Schatten-Außenministerin gegeben hatte. Steckt sie nun fest auf dem Acker der Lokalpolitik? Wohl nicht. Doras Verbündete bilden einen mächtigen Flügel in der Partei, den Premier Kostas Karamanlis irgendwann mit ihrer Berufung ruhig stellen muss. Dora spricht fließend deutsch, französisch und englisch. Sie hat ein politisches Büro mit über zwei Dutzend Mitarbeitern aus dem ganzen Land. Wozu braucht eine Bürgermeisterin das? Für die Zukunft.

Diese beginnt am 13. August. Wenn die Baustellen geschlossen und die Spiele eröffnet werden, soll ein "City-Manager" die Verantwortung für die heikle Massenschau tragen. Noch ist offen, wer den prestigeträchtigen Posten übernehmen wird - Dora oder ihre parteiinterne Widersacherin Gianna Angelopoulou-Daskalaki. Nur so viel steht fest: Männer haben bei dieser Konkurrenz keine Chance.

Die Zeit 24.06.2004 Nr.27