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in Athen 2006


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106. Verhandlungstag, Montag, 26. Juni 2006

Heute geht es zunächst um den Überfall auf einen Supermarkt der Kette Marinopoulos. Die Verteidigung bezweifelt, dass es sich um eine Tat der 17N handelt. Der damalige Filialleiter dagegen will in zwei der Täter die Brüder Christodoulos und Savvas Xiros wiedererkannt haben. Bei seiner Vernehmung durch die Polizei unmittelbar nach dem Überfall konnte er keine Angaben über die Täter machen, da es, wie er sagte, erstens sehr dunkel gewesen sei und er außerdem seine Brille nicht getragen habe. Erst 17 Jahre später, nach der Verhaftungswelle im Sommer 2002, will er die Brüder Xiros als Täter erkannt haben.

Der Antrag der Verteidigung, weitere Zeugen zu laden, die der Darstellung des Filialleiters widersprechen würden, wird im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft von den Richtern abgelehnt.

Danach sagt eine Zeugin für den Überfall auf eine Filiale der Ergasias Bank im Athener Stadtteil Peristeri aus. Sie will Ch. Xiros als einen der Täter erkannt haben. Ihre Geschichte ist abenteuerlich: Der von den Tätern benutzte Kleinlaster war von der Polizei vor dem Geschäft der Zeugin gefunden worden. Diese sagt aber aus, aus dem Wagen seien am frühen Morgen zwei Täter gestiegen, von denen sie den einen als Ch. Xiros "erkennt". Wenn ihre Aussage stimmt, würde dies bedeuten, dass die Täter den Kleinlaster vor dem Laden zurückgelassen haben und mehrere Kilometer bis zur Bankfiliale gelaufen sind. Wenn sie allerdings den Wagen gar nicht bis zur Bank gefahren haben, woher hatten dann die dortigen Sicherheitsbeamten das Kennzeichen?

107. Verhandlungstag, Dienstag, 27. Juni 2006

Ein weiterer Zeuge beim Überfall auf die Filiale der Ergasias Bank in Peristeri beschreibt in allen Einzelheiten den Tathergang und vier Täter. Kategorisch schließt er aus, dass auch nur einer der Angeklagten unter den vier Tätern gewesen sei. Anfänglich habe er gedacht, dass es sich bei einem der Täter um Koufodinas gehandelt habe, so der damalige stellvertretende Filialleiter. Aber schon im ersten Prozess, als er Koufodinas von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, sei ihm klar gewesen, dass er sich geirrt habe.

Ganz offensichtlich ist die Staatsanwältin mit dieser Aussage nicht zufrieden. Als ihre Versuche, den Zeugen in signifikante Widersprüche zu verwickeln, kein Ergebnis bringen, bezichtigt sie den Zeugen der Lüge. Koufodinas weist darauf hin, dass die Staatsanwältin nur Zeugen, die keine Angeklagten "identifizieren", derart in die Mangel nimmt. Daraufhin kommt es zu einem heftigen Wortwechsel zwischen der Staatsanwältin und Koufodinas. Während Koufodinas die Form wahrt, vergreift sich die Staatsanwältin immer mehr im Ton. Schließlich beginnt sie Koufodinas zu duzen, bezeichnet ihn als "Anführer" und herrscht ihn an:"Setz dich". Koufodinas erklärt, das Verhalten der Staatsanwältin mache klar, welche Rolle sie hier spiele. Auf Antrag der Staatsanwältin unterbricht der Vorsitzende Richter die Sitzung. Bei Wiederaufnahme der Verhandlung fordert der Vorsitzende Richter, anstatt die Staatsanwältin zur Ordnung zu rufen, Koufodinas auf, Ausdrücke wie "Rolle spielen" gegenüber der Staatsanwältin zu vermeiden.

Ein weiterer Zeuge "erkennt" gleich zweimal Ch. Xiros. Bei einer früheren Aussage will er ihn als einen der Täter, die in die Bank gekommen seien, erkannt haben. Heute jedoch soll Ch. Xiros derjenige gewesen sein, der draußen gewartet habe. Der 1,80 m große Zeuge gesteht dem 1,86 m großen Ch. Xiros auch nur eine Körperlänge von 1,70 bis 1,80 m, allerhöchstens so groß wie er selber, zu...

Der damalige Filialleiter spricht von insgesamt sieben Tätern bei dem Banküberfall. Auch er will Ch. Xiros erkannt haben. Woran? Am Körperbau, ohne das Gesicht gesehen zu haben, und aus einer Entfernung von 20 Metern. In erster Instanz hatte er zusätzlich auch noch, wenn auch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit, Koufodinas "erkannt". Dies will er heute allerdings nicht mehr bestätigen.

108. Verhandlungstag, Mittwoch, 28. Juni 2006

Heute geht es noch einmal um den Überfall auf die Post im Athener Stadtteil Vyronas. Ein weiterer Zeuge sagt aus. Auch er will drei Täter gesehen haben, kann aber niemanden wiedererkennen.

Wie schon in erster Instanz sprechen auch im Berufungsverfahren alle Zeugen einhellig von drei Tätern. In den "Vorverhören" hatten aber insgesamt fünf Angeklagte entweder ihre Beteiligung am Überfall zugegeben oder waren durch Mitangeklagte der Teilnahme beschuldigt worden. Gegen die Zeugenaussagen und einzig und allein gestützt auf die längst zurückgezogenen Aussagen bei den Verhören hatten die Richter in erster Instanz fünf Angeklagte (die drei Brüder Xiros, Koufodinas und Karatsolis) für den Überfall verurteilt.

Ein weiterer Zeuge will in einem der bei dem Überfall mit Perücke und Brille verkleideten Täter Vassilis Xiros wiedererkannt haben. An den "schönen Augen und Lippen". Dabei schätzt er das Alter des Täters damals auf 32 bis 35 Jahre. V. Xiros dagegen war zum Zeitpunkt des Überfalls gerade einmal 25 und sieht auch heute noch jünger aus, als er ist. Auch die Perücke hatte der Zeuge bei seinen ersten Vernehmungen durch die Polizei nicht erwähnt. Da er damals aber den Täter als kurzhaarig beschrieben hatte, brauchte es die Perücke wohl, um das Fehlen des für V. Xiros charakteristischen zum Zopf gebundenen Haarschopfes zu erklären. Auch die damals auf seine Angaben hin von der Polizei angefertigte Skizze des Täters fehlt heute. Nicht zum ersten Mal ist eine Skizze, die wahrscheinlich keinerlei Übereinstimmung mit einem vor Gericht "identifizierten" Täter aufweist, nicht aufzufinden... Bei Koufodinas ist die "Identifizierung" hingegen noch abenteuerlicher. Den will der Zeuge einzig und allein an "seiner Ruhe", mit anderen Worten, an seiner ruhigen Haltung, erkannt haben.

109. Verhandlungstag, Donnerstag, 29. Juni 2006

Heute geht es noch einmal um den 1987 von der 17N in die Beine geschossenen Chirurgen Kapsalakis. Tzortzatos hatte eine Teilnahme an dem Anschlag während des Polizeiverhörs nach seiner Verhaftung "gestanden", sein "Geständnis" noch vor Beginn des Prozesses in erster Instanz aber wieder zurückgezogen. Trotzdem wurde er für den Anschlag verurteilt.

Sein Verteidiger, I. Mylonas, weist heute vor Gericht darauf hin, dass, wenn man den Zeugenaussagen Glauben schenkt, sein Mandant unmöglich der Täter gewesen sein kann. Sowohl der bei dem Anschlag verletzte Arzt als auch seine damals anwesende Frau hatten von zwei Tätern gesprochen, von denen der Kleinere geschossen haben soll. Im anderen will die Frau des Chirurgen Koufodinas wiedererkannt haben. Da Koufodinas kleiner sei als Tzortzatos, könne dieser nicht der Schütze gewesen sein, schlussfolgert sein Anwalt. Außerdem habe sein Mandant in seinem "Geständnis" von drei Tätern geredet. Diese Version decke sich ebenfalls nicht mit den Aussagen der Augenzeugen, die von lediglich zwei Tätern berichten.

Mylonas äußert sich auch zu den Aussagen des Kronzeugen Tselentis. Dieser hatte angegeben, den Fluchtwagen gefahren zu haben. "Entweder er ( also Tselentis, d. Verf.) war bei dem Anschlag gar nicht dabei und lügt, um den Ermittlungsbehörden zu helfen, oder er sagt die Wahrheit und war einer der beiden Täter." Da auch Tselentis kleiner ist als Tzortzatos, wäre auch dadurch eine Teilnahme von Tzortzatos an der Aktion ausgeschlossen, so der Rechtsanwalt. "In jedem Fall bestätigt sich, dass die Polizei ein 'Geständnis' fabriziert und Tzortzatos dazu gebracht hat, Aktionen zu gestehen, an denen er nicht teilgenommen hat. Im Endeffekt interessiert mich nicht, ob Koufodinas oder Tselentis oder sonst jemand dabei war. Mich interessiert der Nachweis, dass Tzortzatos nicht dabei war."

Freitag, 30. Juni 2006

Heute findet keine Verhandlung statt.