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in Athen 2006


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87. Verhandlungstag, Montag, 29. Mai 2006

Heute werden eine Reihe Zeugen vernommen, die bisher nicht erschienen waren oder durch Androhung von Zwangsvorführung zur Aussage gebracht werden konnten.

Als erstes vernimmt das Gericht einen weiteren Zeugen im Fall des am 4. Juli 1994 von der 17N ermordeten türkischen Diplomaten Omer Haduk Sipahioglou. Genau wie im ersten Prozess kann der damalige Augenzeuge am Tatort aber nur eine Beschreibung des Täters als eines etwa 1,90 m grossen, gutaussehenden jungen Mannes liefern. Mit Blick auf die Anklagebank erklärt der Zeuge, der Täter wäre nicht dabei, was die Staatsanwältin mit einem „er fehlt also“ kommentiert. Ein klarer Hinweis auf den von ihr verdächtigten Savvas Xiros...

 

Im Falle des Raketenangriffs auf die Büros der Europäischen Union am 16. Dezember 1990 erklärt ein damaliger Angestellter, sein Leben sei in Gefahr gewesen, da er nur „um Sekunden“ rechtzeitig das Gebäude verlassen habe. Koufodinas stellt demgegenüber klar, dass die Tageszeitung Eleftherotypia rechtzeitig über die bevorstehende Explosion informiert und das Gebäude geräumt wurde. Der Redakteur der Eleftherotypia, der damals zum Tatort gefahren war, musste allerdings selbst dafür sorgen, dass da Gebäude geräumt wurde, da die Polizei, obwohl von der Zeitung über die Bombendrohung informiert, nicht tätig wurde.

 

Im Fall des Raketenanschlags auf die Zementfirma Halyps am 16. Mai 1991 sagt ein damaliger Angestellter der Firma aus, er sei durch Telefonanrufe direkt von der 17N, aber auch von der Eleftherotypia, über den bevorstehenden Anschlag informiert worden. Der Zeuge versucht die den Anschlag allerdings zu einer Gefahr für „halb Griechenland“ aufzublasen, indem er auf nahegelegene Einrichtungen einer Raffinerie und einen Kohlespeicher hinweist. Mit Fragen an den Zeugen sorgt Koufodinas dafür, dass die tatsächliche Dimension des Anschlags klar wird. So muss der Zeuge zugeben, dass die (aus 50 m Entfernung abgefeuerte) Rakete (wie von der 17N geplant) in einen Betonsilo von mindestens 15 m Durchmesser einschlug. Außerdem muss der Zeuge einräumen, dass der Kohlesilo nicht gesichert war, weil überhaupt keine Explosionsgefahr bei Kohle besteht, die sogar eher nicht leicht entzündlich ist. Und selbst wenn die Rakete ihr Ziel verfehlt hätte, bis zu der etwa 800 m entfernten Raffinerie wäre sie sicher nicht geflogen.

 

Auch im Fall des Raketenanschlags auf die Löwenbräu Brauerei in Atalanti (28.5.91) versucht die Staatsanwältin erneut, eine Gefahr für Leib und Leben der Anwohner zu konstruieren. Wieder ist es Koufodinas, der mit drei Fragen an den Zeugen die Tatsachen ins rechte Licht rückt. „Explodiert Bier?“ Zeuge: „Nein.“ „Explodiert Ammoniak?“ Zeuge: „Nein.“ „Wie weit liegt das Dorf von der Brauerei entfernt?“ Zeuge: „2 km.“

 

Die beiden Zeugen im Falle des Bombenanschlags auf eine Werkstatt von General Motors am 19. Februar 1998 berichten übereinstimmend von Sachschaden am Gebäude und den in der Werkstatt befindlichen Autos. Eine Gefahr für Menschen oder benachbarte Gebäude schließen sie dagegen aus.

 

Der Sicherheitschef der von einer Rakete getroffenen Citibank (8. April 1998) berichtet von kleinerem Sachschaden, da die Rakete lediglich die Fensterscheibe der Bank durchschlagen habe. Wie er gehört habe, habe es sich bei der Rakete um eine Panzerabwehrrakete gehandelt, die nicht explodiert, sondern ihr Ziel durchschlägt. Koufodinas erklärt, bei dem Anschlag habe keine Gefahr für Menschen bestanden, weil die Rakete nicht mit einem Zeitzünder, sondern vor Ort von Genossen abgefeuert worden sei, die das Gelände überblicken konnten.

 

88. Verhandlungstag, Dienstag, 30. Mai 2006

Die Verhandlung beginnt mit der Vernehmung eines Zeugen zum Raubüberfall auf eine Filiale der Ergasia Bank (1989). Der damalige Direktor kann aber trotz Druck seitens des Vorsitzenden Richters und der Staatsanwältin unter den Angeklagten keinen der drei Täter wiedererkennen. Auch ein weiterer Zeuge kann niemanden als Täter identifizieren. Beide Zeuge hatten im Klima der Terrorhysterie bei Polizeivernehmungen nach den Verhaftungen im Sommer 2002 und im Prozess erster Instanz dagegen „mit 80prozentiger Sicherheit“ Koufodinas „an der Stirn“ und der zweite Zeuge „mit 50prozentiger Sicherheit“ auch Tsortsatos erkannt.

 

Als nächstes werden zwei Zeugen für Anschläge der 17N auf Büros der PASOK vernommen. Im Fall des Bombenanschlages auf das Büro der Partei in Galatsi (3. April 1999) erläutert der Zeuge die entstandenen Sachschäden. Die Versuche der Staatsanwältin, ihn zur Angabe von größeren Schäden zu bringen, schlagen fehl...

 

Im Fall des fehlgeschlagenen Angriffes auf die Zentralen Büros der PASOK (1. April 1999) versucht die Staatsanwältin eine Gefahr für Bewohner und Passanten der Straße zu konstruieren. Wieder ist es Koufodinas, der die Sache mit einigen Fragen an den Zeugen gerade rückt.

 

Als nächstes geht es um den berühmten Fall des Kriegsmuseums (5. Februar 1990), den Überfall auf das Kriegsmuseum von Athen, bei dem Raketenwerfer erbeutet werden. Der Wächter, der im ersten Prozess „mit 50prozentiger Sicherheit“ Ch. Xiros als einen der Täter erkannt haben wollte, ist heute genau gegenteiliger Meinung. Ch. Xiros ist nicht der Mann, den er damals im Museum gesehen hat.

 

Der damalige Direktor des Museums kann zur Sache nichts aussagen, da er zur Tatzeit nicht im Museum war. Aus dem, was ihm berichtet wurde, schließt er aber, dass die Organisation „mit einem Minimum an Gewaltausübung“ ihr Ziel zu erreichen suchte.

 

Ein weiterer Wächter will „ohne Zweifel“ Savvas Xiros und Koufodinas unter den Tätern erkannt haben. Als der Vorsitzenden Richter ihn auffordert, Savvas zu beschreiben, kann er dies allerdings nicht.

 

89. Verhandlungstag, Mittwoch, 31. Mai 2006

Die Verhandlung beginnt mit der Beweisaufnahme zum Raketenanschlag auf das Pentelikon Hotel (31. März 1991). Da kein Zeuge anwesend ist, werden nur die den Fall betreffenden Dokumente verlesen und die Zeugenbefragung vertagt.

Im Fall der Anschläge auf  die Athener Niederlassungen von Alico und den Nationalen Niederlanden (April 1994) können die Zeugen lediglich das Ausmaß der Schäden schildern.

 

Auch im Falle des Bombenanschlags auf die Niederländische Botschaft (7. Mai 1999) schildert ein Zeuge das Ausmaß der Schäden. Da es sich um eine symbolische Aktion mit einer kleinen Bombe handelte, sind diese gering gewesen.

 

90. Verhandlungstag, Donnerstag, 1. Juni 2006

Die Verhandlung beginnt mit der Vernehmung einer Zeugin zum Banküberfall auf eine Filiale der Griechischen Nationalbank im Athener Stadtteil Pankrati. Die Kundin der Bank beschreibt, wie zwei Männer in die Bank kamen, während zwei weitere draußen warteten. Als ihr klar wurde, dass es sich um einen Bankraub handelte, habe sie in Panik angefangen zu schreien und auch nach Aufforderung (durch die Bankräuber) zu schweigen nicht aufgehört. Deswegen handelt es sich nach Meinung der Zeugin bei der Verletzung eines Bankangestellten (eine Kugel der Täter traf ihn am Fuß) um einen unglücklichen Zufall. „Wenn sie jemanden hätte treffen wollen, warum dann nicht mich, wo ich doch ununterbrochen geschrieen habe?“ Von den Tätern kann sie nur die Statur beschreiben, identifizieren kann sie niemanden.

 

Bei einer polizeilichen Vernehmung nach den Verhaftungen mutmaßlicher Mitglieder der 17N im Sommer 2002 waren der Zeugin lediglich Fotografien von 4 der Verhafteten mit den Worten „diese hier haben schon gestanden, erinnerst du dich an diese?“ vorgelegt worden. Damals hatte sie den Beamten geantwortet, dass sie die Gesichter aus dem Fernsehen kenne. Ungeachtet dessen, wurde im Vernehmungsprotokoll niedergeschrieben, sie hätte gesagt, einer der Täter hätte Ähnlichkeit mit Koufodinas, ein zweiter mit Ch. Xiros gehabt....

 

Auch der damals angeschossene Bankangestellte hatte bei einer Vernehmung nach der Verhaftung von Koufodinas diesen aufgrund eines Fotos als denjenigen erkannt, der ihn in den Fuß geschossen hatte. Unerklärlich ist allerdings, warum seine erste Täterbeschreibung nicht im Mindesten mit Koufodinas übereinstimmt und warum er Koufodinas erst auf dem Polizeifoto und nicht schon aus den Medien erkannt hat, wo doch das gleiche und andere Fotos von Koufodinas wochenlang auf allen Kanälen präsentiert wurden...

 

Im Zusammenhang mit dem Bankraub weist Ch. Xiros darauf hin, dass er diesen und einen zweiten Bankraub während seiner „Vernehmung“ durch die Polizei gestanden habe. Die Ermittlungsbehörden hätten die beiden Bankraube damals den gleichen Tätern zugeordnet, eine Version, die auch vom Richter im ersten 17N Prozess aufrechterhalten wurde, obwohl für den anderen Bankraub in der Zwischenzeit andere Täter (ohne jeden Zusammenhang mit der 17N) verurteilt wurden.

 

91. Verhandlungstag, Freitag, 2. Juni 2006

Wieder einmal fehlt gut ein halbes Dutzend Zeugen zu mehreren Fällen. Die Vernehmungen der anwesenden Zeugen zu einer Reihe von Raubüberfällen geben erneut Beispiele für die „Wiedererkennung“ der Täter bei den Befragungen der Polizei nach den Verhaftungen. Mehrere Zeugen berichten von einer kleinen Auswahl an Fotos, die ihnen zur „Identifizierung“ der Täter vorgelegt wurden. Ein Zeuge berichtet, wie er von dem vernehmenden Beamten mit den Worten, „komm schon, der war's, unterschreib endlich“ (erfolgreich) unter Druck gesetzt wurde. Für den Vorsitzenden Richter hat dies aber keine Bedeutung, da in diesem Fall der „Täter“ (Savvas Xiros) ja ohnehin gestanden habe...