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in Athen 2006


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142. Verhandlungstag, Montag, 18. September 2006

Auch heute sind wieder Zeugen für Ch. Xiros an der Reihe.

Die insgesamt acht Zeugen entstammen dem familiären, politischen, beruflichen und nachbarlichen Umfeld des Angeklagten. Übereinstimmend beschreiben auch diese Zeugen Ch. Xiros als einen überaus regen Aktivisten des außerparlamentarischen Spektrums. Alle Zeugen, die auf die mutmaßlichen "Geständnisse" des Angeklagten gegenüber der Polizei eingehen, erklären, der Text könne nicht von Ch. Xiros stammen. "Politische Menschen haben eine charakteristische Ausdrucksweise. Selbst wenn der protokollierende Beamte die Formulierungen von Ch. Xiros geändert hat, würde der Text noch ganz anders aussehen", ist die charakteristische Aussage eines Zeugen.

Als im Laufe der Zeugenbefragung erneut die Frage nach dem Wert des menschlichen Lebens aufgeworfen wird, erinnert Ch. Xiros an die Opfer des Untergangs der Fähre Samina vor einigen Jahren. Die Reederei war für mitschuldig am Unglück befunden und zu Entschädigungszahlungen verurteilt worden. "145 Euro und 12 Cent für jeden Toten. Das ist der Wert menschlichen Lebens für eure Gerichte", erklärt Ch. Xiros, das Urteil zitierend.

Zeugen, die wie Ch. Xiros von der Insel Ikaria stammen, beschreiben den eher ärmlichen Lebensstil des Angeklagten. Ein Zeuge kann zudem ein Alibi für den Zeitpunkt des auch Ch. Xiros zur Last gelegten Überfalls auf die Polizeiwache im Athener Stadtteil Vyronas liefern. Der Zeuge kann sich genau erinnern, auf dem am gleichen Tag stattfindenden Volksfest auf Ikaria von Ch. Xiros dafür gerügt worden zu sein, dass er mit seinem soeben neu erworbenen und ersten Motorrad seines Lebens wilde Runden gedreht habe.

Andere Zeugen beschreiben die langjährigen beruflichen Aktivitäten des Angeklagten als handwerklicher Baumeister von Musikinstrumenten. Auf diesem Feld hatte er sich im Laufe der Jahre unter Musikern einen Namen unter anderem mit der Entwicklung neuer Methoden für die Erzielung besserer Klangwirkungen gemacht. Obwohl Ch. Xiros mit der in Athen aufgebauten Werkstatt sicherlich im Laufe der Zeit auch ökonomischen Wohlstand hätte erreichen können, hatte er es vorgezogen, 1998 ganz nach Ikaria umzuziehen.

Die Cousine von Ch. Xiros erwähnt in ihrer Aussage auch einen Besuch bei Savvas Xiros im Krankenhaus. Außer der Lebensgefährtin und der engsten Familie des Schwerverletzten war sie die einzige, die den Bruder von Ch. Xiros im Evangelismos hatte sehen können. Sie erklärt, Savvas hätte in keiner Hinsicht dem Menschen geglichen, den sie kannte. Auf ihre Frage hin, ob er einen Anwalt wünsche, hätte Savvas gekichert und gesagt, er würde sich einen nehmen, sobald er ihn benötige.

 

143. Verhandlungstag, Dienstag, 19. September 2006

Heute geht es weiter mit Zeugen der Verteidigung für Thomas Serifis.

Seine Kollegen beschreiben den Fahrer bei den staatlichen Busbetrieben ETHEL als treuherzig, zuverlässig, offenherzig, als gebildeten, aufrechten Menschen und harten Arbeiter. Alle sagen darüber hinaus aus, dass Thomas Serifis immer einer zweiten Arbeit als Kellner nachgegangen war, um ökonomisch ein Auskommen zu finden.

Die Zeugen haben keinen Zweifel daran, dass T. Serifis die Wahrheit über seine auf zwei Jahre beschränkte Zugehörigkeit zur Organisation sagt. T. Serifis hatte vor Gericht die Verantwortung für seine Beteiligung an Aktionen der Organisation übernommen, sogar seine Beteiligung an Aktionen eingestanden, für die er gar nicht angeklagt war. Wieso sollte er dann im Punkt der Dauer seiner Mitgliedschaft in der Organisation gelogen haben?

Keiner der Zeugen greift die Organisation an. Für sie sind die Motive, die Menschen wie T. Serifis zur Beteiligung an der 17N bewogen haben, rein ideologischer Natur. Solche Menschen hätten für Veränderungen in der Gesellschaft gekämpft.

Die Staatsanwaltschaft will wissen, ob sich der Angeklagte je zu Aktionen der 17N geäußert hat. Die Zeugen können sich nicht an derartiges erinnern. Sein ehemaliger Chef und Gewerkschafter bei der ETHEL I. Kousis jedoch hat solche Äußerungen von anderen gehört: "Bei Thomas erinnere ich mich nicht, aber ich erinnere mich an andere Kollegen, die besonders zum Anschlag auf Saunders meinten, es wäre ihm recht geschehen." In Bezug auf die Aussagen von T. Serifis meint derselbe Zeuge: "Ich halte seine Haltung für sehr wichtig. Er zeigt eine ehrenvolle selbstkritische Einstellung. So schätzen das auch alle anderen politisch interessierten Angestellten bei der ETHEL ein. Sie wertschätzen seine Haltung, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Die Tatsache, dass er sich von der Organisation getrennt hat, zeigt, dass er Selbstkritik geübt hat."

Auch Freunde und Nachbarn des Angeklagten schildern T. Serifis als gutherzigen, ehrenvollen und aufrichtigen Menschen. Was seine finanzielle Situation anbelangt, so beschreiben sie sie als die eines jeden normalen Arbeiters: Mangel und Kampf ums Überleben.

Nach den Zeugen für T. Serifis sind erneut Zeugen der Verteidigung für Ch. Xiros an der Reihe. Sein ehemaliger Weggefährte bei der maoistischen KKE (m-l), D. Karakostas, führt an, dass sich die Partei jedes Mal nach einem Anschlag der 17N negativ zur Aktion geäußert habe. Ch. Xiros habe immer die Kritik seiner Partei an der 17N geteilt. Auch für diesen Zeugen ist klar, dass die angeblichen Geständnisse des Angeklagten "Produkte von Nötigung" sind. Die Aussagen des Zeugen sind nicht im Mindestens nach dem Geschmack der Staatsanwältin, die dem Zeugen (und dem gesunden Menschenverstand) auf die Nerven geht, indem sie eine Viertelstunde versucht zu das Gericht überzeugen, dass Ch. Xiros sehr wohl gleichzeitig der KKE (m-l) und der 17N angehört haben könne, ohne dass seine Genossen bei der Partei etwas davon mitbekommen hätten...

Weitere Zeugen aus dem politischen und privaten Umfeld des Angeklagten bestätigen das Bild des lebensfreudigen, stadt- und polizeibekannten Politaktivisten, das auch schon die vielen anderen Zeugen beschrieben hatten.

 

144. Verhandlungstag, Mittwoch, 20. September 2006

Heute geht es weiter mit Zeugen der Verteidigung für Sotiris Kondylis. Verwandte und Nachbarn beschreiben den Angeklagten und Kronzeugen als aufrechten, ehrenhaften und uneigennützigen Menschen, der von seiner Kindheit an arbeiten und den kranken Vater für seine vier jüngeren Geschwister habe ersetzen müssen. Sie berichten aus seinem reichhaltigen Engagement als Gewerkschafter und wie er das Angebot der Kommunistischen Partei Griechenlands, KKE, ausgeschlagen habe, als Parteigesandter in Moskau zu studieren, da er den Zugang zum Studium aus eigener Kraft habe schaffen wollen ein Traum, den er sich erst jetzt erfüllen kann, indem er im Knast studiert... Auch nach seiner Verhaftung haben Freunde und Verwandte loyal zu dem Angeklagten gestanden. Was seine Mitgliedschaft in der 17N angeht, verurteilt ihn niemand. Ein Zeuge, mit dem er oft und tief politisch diskutiert hatte, bedankt sich dafür, dass er ihm die Mitgliedschaft in der Organisation verschwiegen und ihn so nicht in Schwierigkeiten gebracht habe. "Der Eintritt in die 17N war für Sotiris ein Ausweg nach dem Zusammenbruch der weltweiten sozialistischen Bewegung", erklärt ein Zeuge die Mitarbeit des ehemaligen KKE-Mitgliedes in der Organisation. Ein Zeuge berichtet, dass Kondylis sich für eine lange Periode ganz aus der Gewerkschaftsarbeit zurückgezogen habe, nach einer Zeit aber wieder gewerkschaftlich aktiv geworden sei.

Aber die Zeugen führen auch politische Argumente der Verteidigung an. Die Mitgliedschaft in der 17N sei keineswegs unlogisch, so ein Zeuge. Die 17N sei ein politisches Kapitel in der Geschichte des Landes und eine Beteiligung besonders unter den Bedingungen der politischen Krise seit 1989 sei durchaus ein Weg gewesen, den Menschen wie Kondylis gewählt haben konnten. Der Zeuge appelliert an das Gericht: "Das politische Kapitel 17N ist seit Jahren abgeschlossen. Die harten Strafen sind Anzeichen von politischer Revanche und zeigen die Unterordnung unter die Amerikaner."

Als nächstes sind Zeugen der Verteidigung für Vassilis Xiros an der Reihe. Sie bestätigen, dass V. Xiros im Winter 97/98 für zwei Jahre aus Thessaloniki nach Athen gekommen sei, und beschreiben den Angeklagten als ehrenhaften, redlichen Menschen, als "Kind des Volkes", humorvoll, "Mensch der leisen Töne, arbeitsam und politisch eher desinteressiert".

Die Staatsanwaltschaft ist ungehalten über die Zeugenaussagen, nach denen der Angeklagte erst im Winter 97 nach Athen gekommen sei, weil sie ihn schon im Januar 1997 als Beteiligten an einem Raubüberfall der 17N braucht. Die Ehefrau von V. Xiros bricht vor Gericht beinahe zusammen, als sie die Festnahme des Angeklagten vor den Augen beider Kinder des Paares schildert.

 

145. Verhandlungstag, Donnerstag, 21. September 2006

Heute ist die Reihe an Zeugen der Verteidigung von Vassilis Tzortzatos. Der Angeklagte hat nur engste Verwandte und seinen Trauzeugen aufgeboten und verzichtet auf politische Zeugen, um dem Gericht entgegenzukommen, wie seine Verteidigung erläutert.

Der Schwager von Tzortzatos führt den Eintritt des Angeklagten in die 17N auf dessen Streben nach Gerechtigkeit zurück. Als Tzortzatos gesehen habe, dass dieses Streben sich mit der Organisation nicht verwirklichen lasse, habe er sich von der Organisation getrennt, so der Zeuge.

Die Schwester des Angeklagten hat Tzortzatos kurz nach seiner Verhaftung auf der Polizeistation gesehen. Umringt von Beamten, die jeden Kontakt verhindert hätten, habe ihr Bruder einem frisch aus der Narkose Erwachten oder einem Psychopathen geglichen. Auf Nachfragen der Verteidigung berichtet die Zeugin über den Druck, dem Tzortzatos bei seiner Verhaftung ausgesetzt wurde. Sie erzählt von Schlägen, von Drohungen, die Tochter des Angeklagten zu belästigen, davon, dass dem Angeklagten ein Rechtsanwalt verwehrt wurde.

Auch der Trauzeuge des Angeklagten führt dessen Mitgliedschaft in der 17N auf den Gerechtigkeitssinn von Tzortzatos zurück. Es sei jedoch ausgeschlossen, dass Tzortzatos jemals zur Waffe gegriffen habe.

Die Lebensgefährtin von Tzortzatos beschreibt die Umstände seiner Verhaftung, bei der nicht nur der Angeklagte, sondern auch seine neunjährige Tochter aus dem Schlaf gerissen und in die Polizeizentrale gebracht wurden. Sie hat ihren Mann später in der Polizeizentrale besuchen dürfen. Dabei habe dieser einen völlig eingeschüchterten Eindruck gemacht und mit Zeichen zu verstehen gegeben, dass er nicht frei sprechen könne. Nur einmal habe er ihr zuflüstern können, dass ihm gedroht wurde, man werde seine Tochter entführen und vergewaltigen. Man habe ihm angesehen, dass ihm das Gehen Schmerzen bereitet habe.

Der Anwalt von Tzortzatos lässt die Aussagen seiner Mitgefangenen (G. Serifis, Vassilis und Christodoulos Xiros, Th. Psaradellis und I. Kostaris) in erster Instanz verlesen, die Tzortzatos mit Blessuren in der Polizeizentrale gesehen hatten. Ebenfalls gibt er die Protokolle über die Hausdurchsuchung bei Tzortzatos zu Protokoll. Bei der Durchsuchung war nicht der kleinste belastende Hinweis gefunden worden.

Gegen Ende der Verhandlung lehnt das Gericht noch einige Anträge der Verteidigung ab, die seit Monaten in der Schwebe hingen. Demnach werden von Tzortzatos als Zeugen aufgebotene Beamte der Polizeizentrale nicht geladen werden. Auch der Antrag, die Liste mit den Namen derjenigen, die Zugang zu Savvas Xiros auf der Intensivstation hatten, dem Gericht vorzulegen, wird abgelehnt. Ebenfalls abgelehnt wird die Ladung der Zeugen von A. Giotopoulos, der kurz nach Beginn des Berufungsverfahrens seine Anwälte entband und seitdem auch selbst an keiner Verhandlung teilnimmt. Giotopoulos wird durch Zwangsverteidiger "vertreten". Auf Beschluss des Gerichtes werden nun auch seine Zeugen nicht im Gerichtssaal befragt werden können. Stattdessen werden ihre schriftlichen Aussagen verlesen werden.

 

146. Verhandlungstag, Freitag, 22. September 2006

Über einen Lebenswandel des Angeklagten "offen wie ein Buch" berichten Zeugen der Verteidigung von Ch. Xiros heute vor Gericht. Freunde und Bekannte des Angeklagten aus Athen und von der Insel Ikaria hatten nur gute Worte für den "offenherzigen Menschen", der niemals in seinem Leben "verschwörerisches Verhalten" gezeigt habe.

Besonderes bemerkenswert unter den Zeugenaussagen ist die Erklärung seines engsten Freundes Takis Leras, der das Gericht fragt: "Wenn Christodoulos angeblich Menschen für die Organisation rekrutiert hat, warum hat er dann nicht zuerst mich, seinen unzertrennlichen Freund, angeworben?".

Christodoulos selbst beschwert sich in einer längeren Erklärung gegenüber dem Gericht über das Verhalten der Staatsanwältin, der er unter anderem vorwirft, die Zeugen ironisch zu behandeln und zu verspotten, besonders in Fällen, in den Zeugen den Angeklagten ein Alibi ausstellen können.