Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität
Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum
in Athen 2006


MAIL

147. Verhandlungstag, Montag, 25. September 2006

Heute sind Zeugen der Verteidigung von Dionysis Georgiadis an der Reihe. Dabei kommt es zum Eklat, als die Staatsanwältin, ihre Verpflichtung zur Neutralität in bisher nicht erlebtem Ausmaß verletzend, die Glaubwürdigkeit des Vaters des Angeklagten anzweifelt. „Sie überzeugen mich nicht, muss ich ihnen sagen, ich bin nicht überzeugt“, lautet die Antwort der Staatsanwältin auf die Aussage des Vaters, sein Sohn sei während eines ihm zur Last gelegten Bombenanschlages keineswegs schon in Athen, sondern noch in Thessaloniki gewesen. An dieser Stelle platzt Koufodinas der Kragen: „Hier sind 300 Zeugen aufgetreten, darunter eine Menge offensichtlich falsch aussagender Zeugen. Und die Staatsanwältin hat sich nicht einmal dazu geäußert. Nur bei den Zeugen der Verteidigung geht sie her und bezweifelt in Bausch und Bogen alles. Hier haben dermaßen offensichtlich gestellte Zeugen ausgesagt und Sie haben sie überhaupt nichts gefragt. Eine Schande! Das also ist Ihre Unparteilichkeit.“ Aber auch Christodoulos Xiros meldet sich zu Wort: „Sie werden erklären, sie seien unparteiisch und würden zu Gericht sitzen. Sie spielen eine Tragödie. Hier sind Zeugen aufgetreten, die erklärten, uns von hinten gesehen und am Gesicht erkannt zu haben. Dazu haben sie geschwiegen. Bei den Zeugen der Verteidigung brechen Sie sich einen ab, wo Sie doch bei Bakatselos, Beretanos und all den anderen Ihre Zunge verschluckt zu haben schienen." In der Substanz geht es um die Frage, wann Georgiadis von Thessaloniki nach Athen gezogen ist. In seiner inzwischen zurückgezogen Aussage bei der Polizei ist als Zeitpunkt das Frühjahr 1998 angegeben. Der Angeklagte und Zeugen erklären aber, die Aussage sei Georgiadis unter Zwang abgerungen worden. Zeitpunkt des Umzuges sei vielmehr der Herbst 1998, eine Angabe, die von Dutzenden Freunden des Angeklagten bestätigt wird. Damit würde die Teilnahme von Georgiadis am einem Bombenanschlag am 22. Juni 1998 ausscheiden, ganz abgesehen von der Tatsache, dass eine andere Organisation und nicht die 17N die Verantwortung dafür übernommen hatte.

Die Staatsanwaltschaft versucht mit aller Macht, die Zeugen zu diskreditieren. Einem Zeugen, der den Angeklagten in einer Zweigstelle seiner Schreinerei beschäftigt hatte, wird kein Glauben geschenkt: Weil er die Zweigstelle nicht bei der Steuer angemeldet hatte, bezweifelt die Staatsanwältin, dass sie überhaupt existiert hatte. Nach den Zeugen von D. Georgiadis ist I. Ioannou, Zeuge von Kostas Karatsolis, an der Reihe. Er kann das Alibi des Angeklagten für den Zeitpunkt des Überfalls der 17N auf eine Zweigstelle der griechischen Telekommunikationsgesellschaft OTE bestätigen. Ioannou kann sich nicht an ein Datum erinnern, wohl aber daran, an einem Dienstag um 14:30 mit dem in einem Maklerbüro angestellten Karatsolis ein Haus besichtigt zu haben. Aus der Tatsache, dass der Dienstag auf den Sonntag folgte, an dem er die Anzeige für das Haus in der Zeitung gesehen hatte, und anhand des Datums der entsprechenden Zeitungsausgabe lässt sich zweifelsfrei folgern, dass es sich um das Datum des Raubüberfalls handelte. Aber auch die Tatsache, dass es sich bei dem Zeugen wahrscheinlich um einen eher konservativen Menschen handelt – die Anzeige hatte er in der Kathimerini, eine Art griechische FAZ, gesehen –, überzeugt die Staatsanwältin nicht. Sie versucht den Zeugen in Misskredit zu bringen, weil er sich zwar an den Wochentag, nicht aber an das Datum des Besichtigungstermins erinnern kann. Die Verteidigung dagegen erklärt, die Zeugenaussage sei ein Beweis dafür, dass die Selbstbelastung des Angeklagten – auch Karatsolis hatte bei der Polizei ein „Schuldgeständnis“ unterschrieben, das er später zurück genommen hat – ihm untergeschoben worden sei. In Folge ist die Reihe am einzigen Zeugen der Verteidigung von Kostas Tellios. Bevor sein Bruder für ihn aussagt, erklärt die Verteidigung von Tellios, ihr Mandant habe weitere Zeugen der Verteidigung zurückgezogen, da er sich bedroht sehe und nicht wolle, dass auch seine Zeugen bedroht würden. Auf Nachfrage der Verteidigung von Koufodinas erklärt die Verteidigung des Kronzeugen Tellios, damit seien nicht seine Mitangeklagten gemeint... Thanassis Tellios erklärt vor Gericht, sein Bruder hätte niemals mit den Ansichten der Organisation übereingestimmt und nur an einigen Aktionen teilgenommen. Er hätte sich gefürchtet auszusteigen, da man ihn für den Fall mit dem Tode bedroht hätte. 1995 habe K. Tellios eine Therapie begonnen. Der Angeklagte habe immer erklärt, bedroht zu werden, ohne jedoch jemals klarzustellen von wem.

Nach dieser Zeugenaussage gibt D. Koufodinas folgende Erklärung ab: "Tellios hat sich dafür entschieden, mit den Verfolgungsorganen zusammen zu arbeiten, sich einspannen zu lassen und ihnen behilflich zu sein. Er hat sich dafür entschieden, in übler Art die Organisation zu verleumden, was er auch heute mit seiner Erklärung tut, genau wie mit den zweckgerichteten Veröffentlichungen in den letzten Tagen. Es versteht sich von selbst, dass die Zwecke, die er verfolgt, auch die Glaubwürdigkeit dessen bestimmen, was er bereits zulasten der Organisation gesagt hat und noch sagen wird." Chr. Xiros kommentiert die Aussage von Tellios als zweckgerichtet, um seine eigene Verstrickung in die Planungen der Strafverfolgungsorgane zu rechtfertigen, und weißt auf die Sonderbehandlung des mit der Staatsmacht zusammen arbeitenden Angeklagten hin - K. Tellios wurde im Dezember 2003, kurz nach der Urteilsverkündung in erster Instanz, aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gefängnis entlassen - im Gegensatz zu seinem Bruder Savvas, der ebenfalls eine Sonderbehandlung "genießt" - trotz schwerster gesundheitlicher Schäden und Erkrankungen wird Savvas nicht nur nicht entlassen, sondern es werden ihm auch die notwendigen Behandlungen verweigert.

148. Verhandlungstag, Dienstag, 26. September 2006

Erste Zeugin heute ist die Ehefrau von Iraklis Kostaris. Der Angeklagte war ursprünglich der Teilnahme an 22 Anschlägen angeklagt worden, hatte aber in einer Mammutarbeit bis zum Urteil in erster Instanz 17 Anklagepunkte erfolgreich niederschlagen können. So hatte sich ein Freund von ihm daran erinnert, dass er zum Zeitpunkt des auch Kostaris zur Last gelegten Überfalls auf die OTE-Zweigstelle in Piräus zusammen mit dem Angeklagten auf einer Hochzeit war. Die bei derartigen Gelegenheiten zur griechischen Pflicht gehörende Videoaufnahme machte das Alibi hieb- und stichfest. Die damalige Arbeitgeberin von Kostaris, die Firma Bergetis, hatte für ihn bei den Banken, die Kostaris im Auftrag der Firma täglich besuchte, die Belege über seine dort erledigten Aufträge heraussuchen lassen. Der Nachweis, dass Kostaris an den Tagen in verschiedenen Banken seiner Arbeit nachgegangen war, hatte die These von der Teilnahme des Angeklagten an verschiedenen weiteren Anschlägen widerlegt. Die gleichen Zeugen bestätigen ihre Aussagen auch in zweiter Instanz. Ein Bekannter hat den Angeklagten zum Zeitpunkt des Überfalls auf die Polizeiwache von Vyronas am Strand von Lychnos gesehen. Er kann sich genau an das Datum erinnern, weil es der 15. Augustfeiertag war und er im fraglichen Jahr erstmalig mit seiner Freundin einen zweitägigen Ausflug hatte unternehmen können. Ein weiterer Zeuge kann das Alibi bestätigen, da er für das Wochenende gemeinsam mit Iraklis dorthin gefahren war. Die Staatsanwältin will all dies nicht gelten lassen. Sie kann nicht verstehen, warum sich die Zeugen so genau an das Datum erinnern. Der Zeuge erklärt ihr, der Überfall auf die Polizeiwache wäre ein beeindruckendes Ereignis gewesen. Als er davon gehört habe, dass Kostaris darin verwickelt gewesen sein sollte, habe er sich erinnert, dass er damals mit eben jenem Kostaris unterwegs gewesen sei und sie das Ereignis diskutiert hatten. Die Zeugin K. Svolis führt die Anklagen gegen Kostaris darauf zurück, dass der Angeklagte ein Neffe des „üblichen Verdächtigen“ Giannis Serifis ist. Trotz Alibi zu einmal lebenslänglich verurteilt wurde Kostaris in erster Instanz für die Teilnahme am Mordanschlag auf Pavlos Bakogiannis. Das Gericht hatte seiner jetzigen Frau und damaligen neuen Freundin nicht geglaubt, dass sie Kostaris kurz nach dem Anschlag telefonisch in seinem Büro gesprochen hatte. Und auch in zweiter Instanz ist zumindest die Staatsanwaltschaft nicht im Mindesten von der Glaubwürdigkeit der Zeugin überzeugt. Immerhin geht es ja auch um den Mord am Ex-Ehemann der heutigen griechischen Außenministerin...

149. Verhandlungstag, Mittwoch, 25. September 2006

Bereits in einer früheren Sitzung hatte das Gericht entschieden, keine Zeugen für A. Giotopoulos zuzulassen, sondern lediglich deren Aussagen in erster Instanz zu verlesen. A. Giotopoulos hat bereits kurz nach Beginn des Verfahrens seine Verteidiger entbunden und ist seitdem auch nicht mehr im Gerichtssaal anwesend. Er wird von durch ihn nicht autorisierten Zwangsverteidigern „vertreten“. Entsprechend beginnt die heutige Verhandlung mit der Verlesung solcher Zeugenaussagen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die ersten für heute geladenen Zeugen der Verteidigung – erneut von Christodoulos Xiros – eintreffen. Zeugen, mit denen oder für die der Angeklagte gearbeitet hat, berichten von seinen ausgezeichneten Kenntnissen und seinem Talent, aufgrund derer er verschiedene Aufträge erhielt und Arbeiten durchführte, die andere Schreiner und Holzarbeiter nicht hätten durchführen können, auch wenn sie in ihr Fach fielen. Die Staatsanwältin dagegen zweifelt nicht nur an der Sachkenntnis des Angeklagten, ihr ist auch schleierhaft, wie jemand in verschiedenen Berufen erfolgreich arbeiten kann. Ganz abgesehen davon, dass eine riesige Menge, wenn nicht die Mehrheit der Arbeitenden in Griechenland, bei den hiesigen Hungerlöhnen gezwungen sind, gleichzeitig verschiedene Berufe auszuüben, hat Christodoulos im weitesten Sinne zumindest immer geschreinert... Das Schauspiel zieht sich durch die ganze Sitzung. Die Zeugen erläutern, einfach, offen und verständlich, die Staatsanwältin verdreht, ironisiert, bezweifelt, und der Vorsitzende Richter versucht so zu tun, als wäre dies alles in bester Ordnung und weist die protestierenden Verteidiger zurück. Christodoulos Xiros ergreift wieder und wieder das Wort, um zu protestieren, wird aber vom Vorsitzenden Richter nicht nur angegriffen, nicht die Staatsanwältin, sondern er vergreife sich im Ton, sondern bekommt auch die Drohung zu hören, sein Verhalten trage nicht dazu bei, sich bei Gericht Wohlwollen zu verschaffen... Der Zeuge Fotis Lykos wird von der Verteidigung nach den Umständen seiner eigenen Verhaftung nach der Verhaftung von Savvas Xiros gefragt. Der Geschäftspartner von Christodoulos und Freund der Familie Xiros schildert, wie er vom zuständigen Polizeioffizier schikaniert, beleidigt und bedroht wurde, wie sein Haus durchwühlt und er fast 12 Stunden lang verhört worden sei, ohne dass etwas Belastendes gefunden wurde. Die Verteidigung weist darauf hin, dass dies exakt in das Bild der damaligen Terrorhysterie gepasst habe und ein Hinweis dafür sei, dass auch bei den Verhören der Angeklagten nicht alles rechtmäßig zuging. Der Vorsitzende Richter kann das nicht sehen. Für ihn ergibt die Zeugenaussage nur, dass „der Zeuge verhört und, weil nichts Belastendes gefunden wurde, wieder entlassen worden war“. Die Ehefrau des Zeugen war nicht nur mit Christodoulos, sondern besonders auch mit Savvas Xiros befreundet. Sie bestätigt in ihrer Aussage das, was alle andern Zeugen, die Savvas kennen, auch schon erklärt haben: Savvas war nicht Herr seiner Sinne, weder im Krankenhaus noch Monate danach. Es erübrigt sich wohl hinzuzufügen, dass auch ihr von der Staatsanwaltschaft kein Glauben geschenkt wird...

150. Verhandlungstag, Donnerstag, 28. September 2006

Heute sind Zeugen der Verteidigung für die in erster Instanz freigesprochene, vom Staatsanwalt aber wieder auf die Anklagebank gebrachte Angeliki Sotiropoulou an der Reihe. Die Zeugen beschreiben die Angeklagte als „Menschen mit Persönlichkeit und Würde“. Besonders erbost ist die Staatsanwältin darüber, dass auch eine Professorin des Polytechnikums für A. Sotiropoulou aussagt. Die Staatsanwältin versucht außerdem, die Angeklagte als „Lebensgefährtin gleich zweier Mitglieder der 17N“ zu präsentieren, wird aber von der Verteidigung darauf hingewiesen, dass sich A. Sotiropoulou von Savvas Xiros bereits vor dessen Eintritt in die Organisation getrennt hatte. Nach den Zeugen der Verteidigung von A. Sotiropoulou treten erneut Zeugen von Ch. Xiros auf. Die beiden alten Genossen des Angeklagten in der KKE (m-l) bestätigen wie schon andere Zeugen, dass Ch. Xiros schon aufgrund seiner Bekanntheit nicht zum Mitglied in einer klandestinen Organisation getaugt hätte. Ebenfalls weisen auch sie auf die ideologischen Unterschiede der beiden Organisationen und Ablehnung des bewaffneten Kampfes seitens der KKE (m-l) hin.

151. Verhandlungstag, Freitag, 29. September 2006

Heute sind erneut Zeugen von Ch. Xiros an der Reihe. Darunter der Zeuge Giorgos Andreou, der das Alibi des Angeklagten für den Zeitpunkt des auch ihm zur Last gelegten Anschlags auf den Herausgeber der konservativen Zeitung Apogevmatini und mutmaßlichen CIA-Agenten, Nikos Momferatou, bestätigen. Zum fraglichen Zeitpunkt wären beide gemeinsam auf Ikaria gewesen. Gemeinsam wären sie Genossen zu Hilfe geeilt, die von Schlägern der Jugendorganisation der Nea Dimokratia, ONNED, angegriffen worden waren. Andere Zeugen bestätigen, das Ch. Xiros auch nach seinem Umzug nach Ikaria den Maoisten angehörte. In den Pausen zwischen dem Eintreffen der Zeugen werden die Aussagen von Zeugen für A. Giotopoulos aus erster Instanz verlesen. Außerdem äußert sich der Anwalt von V. Tzortzatos zu der Folter, der sein Mandant ausgesetzt worden sei, um ihn zum Unterschreiben des Schuldbekenntnisses zu zwingen. Wie der Anwalt ausführt, wird der Folterverdacht nicht nur durch die Aussagen des Angeklagten selbst, sondern auch durch die Aussagen seiner Angehörigen und Mitgefangenen erhärtet.