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192. Verhandlungstag, Montag, 15. Januar 2007

„Herr Vorsitzender, die eben abgegebene Erklärung ist meine letzte in diesem Saal. Für mich ist der Prozess hier zu Ende, die Verhandlung abgeschlossen. Ihre Entscheidung interessiert und betrifft mich nicht. Es interessiert mich nicht, was Ihre Justiz und die Prozessordnung sagen, das hat alles nicht die geringste Bedeutung für mich. Außerdem haben Sie hier gezeigt, dass sie auch für euch keine Bedeutung haben. Ich möchte meinen Anwälten – und besonders Gianna Kourtovik, die mir vom ersten Moment an zur Seite stand und harte Kämpfe ausgefochten hat – versichern, dass sie weiterhin mein vollstes Vertrauen genießen. Aber unsere Teilnahme an diesem Prozess ist vorbei. Ich möchte nicht, dass sie für mich ihr Schlussplädoyer halten, ich habe nichts Weiteres zu sagen und nichts von diesem Gericht zu erbitten. Ich möchte sie nur bitten, nicht zu erlauben, dass mir Zwangsanwälte beigeordnet werden, und nicht zuzulassen, dass mich irgend jemand sonst in diesem Prozess vertritt. Als Letztes möchte ich den Freunden und Genossen danken, die heute hierher gekommen sind.“

Mit diesen Worten verlässt Dimitris Koufodinas das Sondergericht von Korydallos. Ruhig, klar, entschlossen, wie wir ihn seit seiner Festnahme erlebt haben. Seinen Schlussworten vorausgegangen war ein 40minütiges „Ich klage an“ anstelle einer  Verteidigungsrede. Er begründete das damit, dass Revolutionäre gegenüber Klassengerichten der bürgerlichen Klasse keine Rechenschaft ablegen, sondern nur gegenüber dem Volk und der Geschichte.

Die  vollständige Schlussrede von D. Koufodinas kann an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden. Wir werden versuchen, den Text zu einem späteren Zeitpunkt zu übersetzen. Der Text verbindet das Gestern mit dem Heute und zeigt Visionen für morgen. Für das Morgen einer freien Gesellschaft, entstanden aus einer wirklichen Revolution des Volkes. Ein Text mit Verweisen auf Che, auf Rosa (am Jahrestag ihrer Ermordung), auf Aris Velouchiotis (Partisanenführer während der deutschen Besatzung Griechenlands) und Makrygiannis (Politiker und Heerführer während der Befreiungskriege Griechenlands gegen die ottomanische Herrschaft 1821-29 und anschließend scharfer Kritiker der neuen bürgerlichen Herrschaft; Mitinitiator der Erhebung von 1843 mit dem Ziel der Durchsetzung einer demokratischen Verfassung), auf die Befreiungsarmee ELAS (fortschrittliche Partisanenarmee während der dtsch. Besatzung; es gab auch eine kleinere rechte Befreiungsorganisation) und die Demokratische Armee Griechenlands (DSE, die linke Armee während des Bürgerkrieges 1946-49), auf den Widerstand in Palästina, Irak und Libanon, auf die Guerilla und die Bewegungen in Lateinamerika. Ein Text, der vom Einsatz eines Revolutionärs handelt, nicht für sein eigenes Schicksal – dies macht er in seiner Rede ein weiteres Mal deutlich: „Ich habe nichts erbeten und ich werde auch nichts von diesem Gericht erbitten. Ihre Entscheidung interessiert mich nicht und das habe ich vom ersten Moment des Prozesses an gesagt." –, sondern für den Lauf der Revolution, den rauen Weg der „Eroberung des Himmels“.

Während die Staatsanwältin ein weiteres Mal aufgebracht reagiert, zeigt das Gericht D. Koufodinas gegenüber den Respekt, der dem politischen Gegner gebührt. Der Vorsitzende Richter enthält sich jeder Überreaktion und versucht erst gar nicht, den Saal räumen zu lassen, als die Besucher nach den Worten von Koufodinas Beifall klatschen und Parolen rufen. Ohne Provokationen und schweigend verharren auch die Anwälte der Nebenklage, die nach langer Zeit einmal wieder in großer Zahl erschienen sind.

Voll besetzt sind auch die Reihen der Verteidigerbänke, während im Zuschauerraum zwei Persönlichkeiten auffallen. Zum einen Christos Tsigaridas (Angeklagter in den Verfahren gegen die Rev. Organisation ELA und für lange Zeit Mitgefangener von Koufodinas), sichtlich gerührt und mit Mühe seine Tränen zurückhaltend, und zum anderen Professor Kostas Beys, der sich (in einem Artikel der Tageszeitung Eleftherotypia) öffentlich positiv zur Persönlichkeit Koufodinas geäußert hatte. Auf Einladung der Verteidigung nimmt Professor Beys kurz vor Beginn der Verhandlung auf den Verteidigerbänken Platz, begrüßt Koufodinas und unterhält sich mit ihm.

Auch nach dem Auszug von Koufodinas aus dem Prozess werden ihn seine Verteidiger, G. Kourtovik und V. Karydis vertreten – rein formal und nur durch Präsenz bei der Verhandlung.

193. Verhandlungstag, Dienstag, 16. Januar 2007

Eigentlich wäre heute die Schlussrede von Ch. Xiros an der Reihe. Der ist natürlich nicht da, weil er das Gericht vor geraumer Zeit aus Protest gegen den Entzug des Rederechtes verlassen hat. Die Staatsanwältin schlägt vor, sowohl seine vorprozessualen Aussagen als auch seine Schlussrede aus dem Verfahren erster Instanz zu den Gerichtsakten zu nehmen. Die Verteidigung anderer Angeklagter hat Einwände gegen die Anerkennung der vorprozessualen Aussagen und will nur die Schlussrede aus der ersten Instanz zulassen. Die Zwangsverteidiger von Ch. Xiros schweigen. Die Anwälte der Nebenklage beantragen die zwangsweise Vorführung des Angeklagten als Zeugen, so dass ihm Fragen in Bezug auf die andern Angeklagten gestellt werden können. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.

Nach der Pause verkündet der Vorsitzende Richter, augenscheinlich hätte Ch. Xiros kein Interesse daran zu sprechen, und erklärt, alle vorprozessualen Aussagen und die Schlussrede aus der ersten Instanz würden als verwertbar anerkannt. Die entsprechenden Aussagen werden verlesen. Danach beantragt die Staatsanwaltschaft die zwangsweise Ladung des Angeklagten, damit ihm die Mitangeklagten, die durch die vorprozessualen Aussagen von Ch. Xiros belastet werden, Fragen stellen können. Die Verteidigung der betroffenen Angeklagten stellt den gleichen Antrag. Das Gericht beschließt die zwangsweise Ladung von Ch. Xiros für morgen.

194. Verhandlungstag, Mittwoch, 17. Januar 2007

Wie zu erwarten, ist Ch. Xiros der Aufforderung, vor Gericht zu erscheinen, nicht gefolgt. Das Gericht ordnet seine zwangsweise Vorführung an. Da einem Gefangenen keine Gewalt angetan werden darf, bemühen sich der Gefängnisdirektor und die Wärter gemeinsam, den Angeklagten zu überreden, seine Zelle zu verlassen und nach oben in den Gerichtssaal zu gehen. Ch. Xiros lässt sich schließlich an den Händen fassen und nach oben führen.

Dort macht er unmissverständlich klar, dass er gegen seinen Willen gekommen ist, keine Fragen beantworten und das Gericht ignorieren wird. „Ich habe euch ein Jahr lang gezeigt, dass alle Anklagen Hirngespinste und Konstruktionen sind. Und im entscheidenden Moment habt ihr mir das Wort entzogen, mir einen Maulkorb verpasst. Ihr habt es nicht ausgehalten, mir zuzuhören. Warum? Weil ihr dann keine Verurteilung zustande gebracht hättet. Und nun wollt ihr, dass ich Fragen beantworte? Auf welche Fragen sollte ich denn antworten? Fragen über etwas, das ich nicht getan habe? Bringt doch den Syros (Chef der Antiterrorpolizei zu Zeit der Verhaftung von Ch. Xiros; d. Verf.) her, der soll euch antworten.“  Er beschimpft das Gericht und bezichtigt es, weniger Respekt vor den Gesetzen zu haben, als die Gerichte der griechischen Militärjunta. Es folgt ein heftiger Wortwechsel zwischen Angeklagtem, Richtern und Staatsanwaltschaft. Als Ch. Xiros in Folge einfach den Saal verlassen will, hält ihn die Wache zurück. Der Angeklagte wird an Händen und Füßen getragen, sein Körper schleift über den Boden. Die Beamten legen Ch. Xiros vor der Richterbank auf den Boden. Ch. Xiros verharrt in dieser Stellung, die Staatsanwältin will dem Angeklagten „zur Erinnerung“ seine vorprozessualen Aussagen vorlesen. Die gleichen Aussagen, die der Angeklagte Stück für Stück zerlegt hatte, bis man ihm das Wort entzog...

Vergeblich versuchen Richter, Staatsanwältin, RA Mylonas und der Angeklagte I. Kostaris, Fragen an den Angeklagten zu stellen, bis dieser sich endlich in seine Zelle zurückziehen darf.

Es folgt die Schlussrede von V. Tzortzatos. Tzortzatos führt ein weiteres Mal aus, dass er lediglich von 1983 bis 1992 ein Randmitglied der 17N gewesen sei und an keiner Aktion der Organisation teilgenommen habe. Deswegen sei er völlig zu Unrecht zu mehrfach lebenslänglich, insbesondere wegen angeblicher Teilnahme an der Ermordung des Verlegers Momferatos und seines Leibwächters, verurteilt worden. Außerdem greift Tzortzatos Koufodinas an und wirft ihm vor, mit der Staatsmacht zusammenzuarbeiten, weil er dem Gericht nicht sagt, dass er, Tzortzatos, unschuldig sei und die Angaben der Kronzeugen wider besseres Wissen nicht widerlege.

195. Verhandlungstag, Donnerstag, 18. Januar 2007

Gestern hatte Tzortzatos in seiner Schlussrede angegeben, Savvas Xiros als Mitglied der 17N gekannt zu haben. Heute werden ihm wieder und wieder Fragen gestellt, wer die drei Mitglieder gewesen seien, die der Angeklagte nach eigenen Aussagen innerhalb der 17N kannte. Tzortzatos gibt jedoch weder den Namen der beiden, mit denen er Kontakt innerhalb der Organisation hatte, preis noch den des Dritten, den er bei der Übergabe eines Fahrzeuges kennen gelernt hatte.

Die Staatsanwaltschaft beantragt die Verlesung der Aussagen bei der Polizei, vor dem Untersuchungsrichter und aus der ersten Instanz, weil sich der Angeklagte dort anders geäußert habe als hier, wo er sämtliche Anschuldigungen abstreite. (Tzortzatos war nach eigener Aussage von 1985 bis 1992 Randmitglied der Organisation, hatte aber nie an einer bewaffneten Aktion teilgenommen, sondern immer nur Fahrzeuge bewegt.)

Nach der Schlussrede hatten Richter und Staatsanwaltschaft kaum Fragen an den Angeklagten gestellt. Nach Verlesung der vorprozessualen Aussagen jedoch wird der Angeklagte mit Fragen geradezu bombardiert. Und das, obwohl Tzortzatos alle seine vorprozessualen Aussagen als unter Folter zustande gekommen und von der Staatsmacht konstruiert bezeichnet hatte und gegen ihre Verwendung vor Gericht protestiert. So will man von ihm wissen, warum die Polizei ihm ausgerechnet diese und nicht jene Aussage in den Mund gelegt hätte. Der Angeklagte soll also an Stelle der Beamten antworten....

196. Verhandlungstag, Freitag, 19. Januar 2007

Zunächst geht die Verhandlung mit der Befragung von Tzortzatos weiter, dem erneut Fragen wie die von gestern gestellt werden.

Auf die Frage des Anwaltes von Karatsolis und Kostaris, seit wann er die beiden kenne, antwortet Tzortzatos, er habe beide zum ersten Mal in seinem Leben beim Untersuchungsrichter gesehen. RA Stamoulis erläutert dem Gericht, dass Tzortzatos bei seiner angeblichen Aussage am 18. Juli 2002 die beiden anhand von Fotos der Antiterrorpolizei wiedererkannt haben soll. Karatsolis und Kostaris seien aber erst am 22. Juli verhaftet und fotografiert worden. Die Aussage müsse also sogar im Nachhinein konstruiert worden sein.

RA Mylonas beantragt ein weiteres Mal die Entbindung der Zwangsanwälte von Giotopoulos von ihrem Mandat. Der Antrag wird abgelehnt.

Nach der Mittagspause ist die Reihe an Patroklos Tselentis. Der Kronzeuge beginnt seine Schlussrede mit dem für Kronzeugen üblichen „Bereuen“. Danach geht’s zur Sache. Der Angeklagte erklärt, an allem wäre Koufodinas schuld, den er an der Universität kennen gelernt habe. Dieser habe ihn fasziniert und in die ganze Sache hineingezogen. Es folgen Beschreibungen einzelner Anschläge, bei denen der Kronzeuge Mitangeklagte belastet. Er selbst will bei den Anschlägen immer die am wenigsten „kriminelle“ Rolle gespielt haben. Seine Aussagen sind genau so gehalten, dass er selbst damit bestenfalls wegen Beihilfe zu einigen Jahren, die von ihm Beschuldigten aber als Haupttäter zu lebenslang verurteilt werden könnten.

Die Staatsanwaltschaft versucht noch, ihn zur Aussage zu bewegen, die 17N hätte einen hierarchischen Aufbau gehabt. Dies verneint der Angeklagte jedoch. Aktionen seien diskutiert und von denen gemeinsam durchgeführt worden, die zustimmten, so Tselentis. Giotopoulos und Koufodinas hätten aufgrund ihrer großen Erfahrung zwar hohen Respekt genossen, dieser habe aber nicht dazu geführt, dass die anderen wie Soldaten ihre Befehle entgegengenommen hätten. Er selbst habe beispielsweise einmal einer Aktion nicht zustimmen können und deswegen auch nicht teilgenommen. Niemand hätte ihn gezwungen, Koufodinas sei vielmehr eine Art ideologischer Führer für ihn gewesen.