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209. Verhandlungstag, Dienstag, 13. Februar 2007

Der große Auftritt der Staatsanwältin Evterpi Koutzamani: Die Plädoyers der Staatsanwaltschaft sind an der Reihe.

Die 17N war nach Ansicht der Staatsanwältin eine Organisation, die „gemeine kriminelle Verbrechen“ beging, wobei sie ihre Opfer zweimal tötete. Zum einen physisch und zum zweiten moralisch, durch die Anschlagserklärungen, in denen „heuchlerische Vorwände und verlogene Gründe“ angeführt wurden. Außerdem habe die Organisation – ohne sich dazu zu bekennen – noch zahlreiche Raubüberfälle verübt, um ihren Mitgliedern das Leben zu finanzieren.

Der Prozess ist nach Ansicht der Staatsanwältin einerseits kein politischer, sondern ein „strafrechtlicher“, gleichzeitig handele es sich aber um einen „aufsehenerregenden, wichtigen, historischen Fall, einen Präzendensfall für griechische Verhältnisse“. Was die Täterorganisation angehe, so habe sie es geschafft, „den Interessen des Landes zu schaden, ausländische Investitionen zu verhindern, dem Tourismus zu schaden und so auch das Einkommen der Armen zu schmälern, in deren Namen die Organisation doch agiert“ habe.

Was die Täter angehe, so handelt es sich nach Ansicht der Staatsanwältin um „besonders verabscheuungswürdige Verbrecher, die aus niedrigen Beweggründen handelten“ und „ganz im Verborgenen beschlossen, mit arglistigen Methoden zu morden“, und die „mit Heimtücke und Verschlagenheit agierten“. Sie wollten, so die Staatsanwältin, „die verdrehte Botschaft vermitteln, dass alle schuld sind, alle unterdrücken und dass sie (die Mitglieder der Organisation) als selbstbestellte Beschützer und Rächer das gesellschaftliche Unrecht ausrotten, indem sie unschuldige und unverdächtige Bürger töteten, Witwen und Waisen schufen, Furcht in griechischen und ausländischen Familien säten“. Was die Beweggründe angeht: „Angesichts der Tatsache, dass sie mit Heimtücke und Verschlagenheit vorgingen, sind die Motive für die Rechtsordnung unerheblich.“

Als „Beweise“ hat die Staatsanwältin drei Dinge zu bieten: Die – zumeist zurückgezogenen – Aussagen der Angeklagten, in denen sie sich selbst und Mitangeklagte belasten, Zeugenaussagen nach dem Motto „Ich habe XY von hinten gesehen und am Nacken erkannt“ und die in den konspirativen Wohnungen gefundenen Indizienbeweise. Herausragende Rolle spielt bei letzteren ein bis 1997 geführtes Kassenbuch, in denen Auszahlungen an mit Kodenamen festgehaltene Mitglieder notiert sind. Diese Kodenamen wurden den Angeklagten im Laufe der Verhöre bei der Antiterrorpolizei und vor dem Untersuchungsrichter angehängt. Wie gesagt, die entsprechenden Aussagen haben die Angeklagten zum größten Teil zurückgezogen, sie sind darüber hinaus auch widersprüchlich.

Was das griechische Gesetz angeht, nach dem ein Angeklagter nicht allein aufgrund der Aussagen seiner Mitangeklagten schuldig gesprochen werden darf, so ist dies für die Staatsanwältin lediglich eine „Empfehlung für den Richter, darauf zu achten, dass das, was die Mitangeklagten sagen, auch von anderen Indizien gestützt wird“.

Bevor sie sich zu den einzelnen Anklagepunkten, mit anderen Worten: den einzelnen Anschlägen der Organisation und den ihr angelasteten Raubüberfällen, einlässt, äußert die Staatsanwältin sich zu den einzelnen Angeklagten. Danach ist:

Alexandros Giotopoulos der unbestrittene Anführer und Kopf der Organisation, der zwar nie an einem Anschlag teilgenommen hat, für alle Anschläge jedoch als Anstifter schuldig zu sprechen ist.

Dimitris Koufodinas der zweite Mann, neben oder dicht hinter A. Giotopoulos. D. Koufodinas hat mit Giotopoulos Entscheidungen getroffen und war an der Formulierung der Bekennerschreiben beteiligt. Er war es auch, der die Entscheidungen den anderen Mitgliedern überbrachte. Zum Leidwesen von Frau Koutzamani sieht die Anklage nicht den Punkt der Anstiftung für Koufodinas vor, so dass die Staatsanwältin für ihn deswegen keinen Schuldspruch beantragen kann. Macht aber nichts, die 13 Mal Lebenslänglich aus der ersten Instanz dürften schon wieder drin sein, da Koufodinas außerdem an verschiedenen Anschlägen teilgenommen hat.

Christodoulos Xiros, Vassilis Tzortzatos, Kostas Karatsolis, Thomas Serifis, Pavlos Serifis, Iraklis Kostaris, Dionysis Georgiadis und Vassilis Xiros waren nach Ansicht der Staatsanwältin Mitglieder, teilweise bis zu ihrer Verhaftung. Nikos Papanastasiou und der in erster Instanz freigesprochene Giannis Serifis waren Mitglieder, ihre Mitgliedschaft liegt aber soweit zurück, dass sie bereits verjährt ist.

Angeliki Sotiropoulou, die in erster Instanz freigesprochene Ehefrau von D. Koufodinas und Ex-Lebensgefährtin von Savvas Xiros, hat nach Meinung der Staatsanwältin von den Taten ihrer Partner gewusst. Ob sie auch selbst beteiligt war, dazu behält sich die Staatsanwältin vor, sich an andere Stelle zu äußern.

Es folgen die Ausführungen der Staatsanwältin mit ihren Vorschlägen zu den einzelnen die Anklage betreffenden Anschlägen. Eine Auflistung der Anschläge mit Datum und Angaben zu den Opfern unter: http://www.widerstand-repression-griechenland.de/erk/erk_17n/Uebersicht-Anschlaege.htm

Mordversuch an US-Army Sgt. Robert Judd, 1984: A. Giotopoulos als Anstifter, Ch. Xiros als Täter und D. Koufodinas als Gehilfe. Freispruch für P. Tselentis und N. Papanastasiou.

210. Verhandlungstag, Mittwoch, 14. Februar 2007

Weiter geht’s mit den Ausführungen der Staatsanwältin und ihren Vorschlägen für Schuldsprüche hinsichtlich der einzelnen Anschläge:

Mordfall Ch. Matis (1984 bei einem Raubüberfall erschossener Polizist): A. Giotopoulos als Anstifter, D. Koufodinas als Täter, Ch. Xiros als Mittäter, P. Tselentis als Gehilfe, N. Papanastasiou Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Zeugenaussagen im Fall waren widersprüchlich, hatten aber gleichzeitig übereinstimmend Tselentis und nicht Koufodinas als den Mann mit der Waffe angegeben. Die Staatsanwältin erklärt ihre Entscheidung damit, dass die Zeugen „aufgrund der Panik in der Situation“ sich nicht richtig erinnern, und stützt sich im Weiteren auf die vorprozessualen Aussagen, besonders des Kronzeugen Tselentis.

Mordfall Momferatou, Roussetis, 1985: Ausschließlich gestützt auf die vorprozessualen Aussagen von Ch. Xiros, V. Tzortzatos und P. Tselentis beantragt die Staatsanwältin Schuldsprüche für D. Koufodinas und Ch. Xiros als Täter, Tzortzatos als Mittäter, Tselentis als einfachen Mitaeter und Giotopoulos als Anstifter.

Bombenanschlag auf einen Polizeibus 1985, bei dem 14 Beamte ums Leben kamen: Ausschließlich gestützt auf die vorprozessualen Aussagen von Ch. Xiros und V. Tzortzatos beantragt die Staatsanwältin folgende Verurteilungen: D. Koufodinas und Ch. Xiros als gemeinschaftliche Täter, V. Tzortzatos als Gehilfen und A. Giotopoulos als Anstifter.

Mordfall Angelopoulou, 1986: Ausschließlich gestützt auf vorprozessuale Aussagen beantragt die Staatsanwältin zu verurteilen: Ch. Xiros als Täter, Tselentis, Tzortzatos und Koufodinas als Gehilfen und Giotopoulos als Anstifter.

Bombenanschlag auf US-Amerikaner, 1987: Ch. Xiros als Täter, Koufodinas, Tselentis und Tzortzatos als Gehilfen und Giotopoulos als Anstifter. Gestützt ausschließlich auf vorprozessuale Aussagen.

Erneuter Bombenanschlag auf US-Amerikaner, 1987: Gestützt auf vorprozessuale Aussagen. Ch. Xiros als Täter, Koufodinas und Tzortzatos als Gehilfen. Ach ja, und natürlich A. Giotopoulos als Anstifter

Mordfall Athanassiadis-Bodossakis, 1988: Gestützt auf vorprozessuale Aussagen und Augenzeugen. Koufodinas als Täter, Tzortzatos als Gehilfe und Giotopoulos als Anstifter. Während die Augenzeugen im Mordfall Matis von der Staatsanwältin als unglaubwürdig eingestuft wurden, weil ihre Aussagen der den Kronzeugen entlastenden Version widersprachen, wird hier ein Zeuge als glaubwürdig bezeichnet, der aus dem Auto heraus für wenige Sekunden einen schießenden Täter auf einem fahrenden Motorrad gesehen und zweifelsfrei wiedererkannt haben will.

Mordfall Nordeen, 1988: Auch hier stützt sich die Staatsanwältin auf die vorprozessualen Aussagen und Augenzeugen, darunter einen der am offensichtlichsten gestellten Zeugen. Ch. Xiros als Täter, Koufodinas, Tselentis und Tzortzatos als Gehilfen und Giotopoulos als Anstifter.

Mordfall Androulidakis, 1989: Obwohl das Opfer in die Beine geschossen wurde und erst viel später im Krankenhaus nachweislich aufgrund ärztlichen Verschuldens verstarb – die Familie erhielt eine hohe Entschädigung zugesprochen – , lautet die Anklage auf Mord. Gestützt auf die vorprozessualen Aussagen von Tzortzatos, Tellios, Ch. Xiros und S. Xiros sowie auf die Schlussrede des Kronzeugen Tellios plädiert die Staatsanwältin auf folgende Verurteilungen: Tzortzatos als Täter, Koufodinas unmittelbarer Mittäter und Giotopoulos als Anstifter. Im Mordfall Androulidakis weicht die Staatsanwältin erstmalig von den Schuldsprüchen aus dem Urteil in erster Instanz ab. Sie beantragt Freispruch für den Kronzeugen, der in erster Instanz noch der Beihilfe schuldig gesprochen worden war.

Mordversuch Tapasouleas, 1989: Vorrangig gestützt auf vorprozessuale Aussagen: Koufodinas als Gehilfe, Giotopoulos als Anstifter. (Der in erster Instanz als Täter verurteilte Savvas Xiros hatte seine Berufung nicht fristgerecht eingereicht und ist im Berufungsverfahren nicht vertreten.)

Mordversuch Minister G. Petsos und seiner Leibwächter Karachalios und Savvakis, 1989: Ausschließlich gestützt auf vorprozessuale Aussagen. Koufodinas als Gehilfe, Giotopoulos als Anstifter. Auch hier war in erster Instanz zusätzlich Savvas Xiros als Täter verurteilt worden.

Mordfall Bakogiannis, 1989: Gestützt auf vorprozessuale Aussagen. D. Koufodinas und I. Kostaris als gemeinschaftliche Täter, V. Tzortzatos als Gehilfe und A. Giotopoulos als Anstifter. Iraklis Kostaris hatte für 17 der ihm zur Last gelegten 22 Anschläge schon in erster Instanz hieb- und stichfeste Alibis nachweisen können. Ihm wurden der Kodename Haris und damit alle mit Haris in Verbindung gebrachten Anschläge angehängt. In den verbleibenden fünf Fällen hatte Kostaris keine Dokumente, sondern ausschließlich Zeugen als Beweis für seine Unschuld aufbringen können. Die wurden von der Staatsanwältin in Bausch und Bogen als unglaubwürdig bezeichnet. Der 17 Mal als Haris entlastete Kostaris soll also in den anderen 5 Fällen doch Haris gewesen sein. Im Mordfall Bakogiannis zeigte der Augenzeuge vor dem Gericht in erster Instanz allerdings auf Karatsolis, als er Kostaris „wiedererkannte“. Doch auch das konnte Kostaris schon damals nicht vor dem „Lebenslänglich“ im Mordfall Bakogiannis retten. Geht es doch um den Ehemann der jetzigen Außenministerin Dora Bakogiannis, Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten Mitsotakis...

Anmerkungen:

Die Staatsanwältin bezog sich an keiner Stelle auf den in erster Instanz zu 6 Mal lebenslänglich verurteilten Savvas Xiros. Da der Angeklagte seine Berufung nicht fristgerecht eingelegt hatte, war er von der Teilnahme am Berufungsverfahren ausgeschlossen worden.

Bisher folgte die Staatsanwältin in ihren Anträgen genau den Schuldsprüchen aus dem Urteil in erster Instanz. Mit einer Ausnahme: Für den Kronzeugen Kostas Tellios beantragte sie Freispruch im Mordfall Androulidakis. In erster Instanz war Tellios der Beihilfe schuldig gesprochen worden.

Die Staatsanwaltschaft hatte Berufung gegen den erstinstanzlichen Freispruch von Niko Papanastasiou im Mordfall Matis eingelegt. Staatsanwältin Koutzamani folgte heute jedoch der Einschätzung der Mehrheit der Richter und nicht ihren Kollegen von der Staatsanwaltschaft und plädierte auf erneuten Freispruch.

210. Verhandlungstag, Mittwoch, 14. Februar 2007

Dritter Tag des Plädoyers der Staatsanwältin und ihrer Anträge für Schuldsprüche hinsichtlich der einzelnen Anschläge:

(Eine Auflistung der Anschläge mit Datum und Angaben zu den Opfern unter: http://www.widerstand-repression-griechenland.de/erk/erk_17n/Uebersicht-Anschlaege.htm)

Mordversuch Vardinogiannis und zweier Begleiter, 1990: Als Beweismaterial stehen ausschließlich die vorprozessualen Aussagen von Savvas und Christodoulos Xiros zur Verfügung. Die haben allerdings das Problem, dass an dem Anschlag auch „Haris“ alias Iraklis Kostaris beteiligt gewesen sein soll. Der wurde in erster Instanz aber freigesprochen. Die Staatsanwältin „löst“ das Problem, indem sie den Freispruch von Kostaris erwähnt und im Folgenden auf „Haris“ einfach nicht mehr eingeht.

Abweichend vom Urteil in erster Instanz beantragt die Staatsanwältin Freispruch aus Mangel an Beweisen für V. Tzortzatos, der damals der Beihilfe schuldig gesprochen worden war. Tzortzatos sei nur von S. Xiros der Teilnahme bezichtigt worden, Tzortzatos selbst dagegen hatte in seinen vorprozessualen Selbstbeschuldigungen den Anschlag nicht erwähnt. Und da auch Ch. Xiros, der ja laut vorprozessualer Selbstbeschuldigung dabei gewesen sei, Tzortzatos nicht als Beteiligten anführt, sei der Angeklagte wohl nicht dabei gewesen, meint die Staatsanwältin.

Ansonsten beantragt sie eine Bestätigung des Urteils aus erster Instanz: Ch. Xiros als Täter, D. Koufodinas als Gehilfe und A. Giotopoulos als Anstifter.

Mordfall Ronald Steward, 1991: Ausschließlich gestützt auf vorprozessuale Aussagen beantrag die Staatsanwältin Schuldsprüche für Koufodinas, Ch. Xiros und Kostaris wegen Beihilfe, Giotopoulos wegen Anstiftung.

Mordversuch Bulukbasi und zweier weiterer Mitarbeiter der türkischen Botschaft, 1991: Ebenfalls ausschließlich gestützt auf vorprozessuale Aussagen beantragt die Staatsanwältin Schuldsprüche für Koufodinas und Tzortzatos wegen Beihilfe, Giotopoulos wegen Anstiftung.

Mordfall Cetin Gorgu, 1991: Gestützt auf vorprozessuale Aussagen beantragt die Staatsanwältin Schuldsprüche für Koufodinas als Täter, Giotopoulos wegen Anstiftung.

Raketenanschlag auf einen Polizeibus, 1991: Gestützt auf vorprozessuale Aussagen beantragt die Staatsanwältin Schuldsprüche wegen 11fachen Mordversuchs für Ch. Xiros als Täter, Koufodinas und Tzortzatos als Gehilfen, Giotopoulos wegen Anstiftung.

Bewaffnete Auseinandersetzung mit der Polizei bei einem versuchten Autodiebstahl, 1991: Abweichend vom Urteil in erster Instanz „glaubt“ die Staatsanwältin den Aussagen von Kondylis, der Angeklagte hätte bei seinem ersten Einsatz nicht gewusst, dass er in die 17N involviert sei, sondern dachte, es handele sich um einen simplen Autodiebstahl. Es sei höchst unwahrscheinlich, dass der Kronzeuge bei seinem ersten Einsatz auch gleich zur Waffe gegriffen habe, deswegen habe sich der Polizeibeamte, der Kondylis als denjenigen wiedererkannt hatte, der ihn angeschossen hatte, wohl geirrt. Sowieso hätte Savvas Xiros in erster Instanz ausgesagt, dass nicht Kondylis, sondern er geschossen hätte. Wir sind gespannt, ob sie dies auch für die Tzortzatos entlastenden Selbstbezichtigung von Savvas im Fall Papadimitriou (1992) gelten lassen wird. Und wir fragen uns, warum im Mordfall Momferatou (1985) dem ebenfalls taufrischen Organisationsmitglied Tzortzatos eine Schlüsselrolle zugewiesen wird. Das gleiche gilt für den Mordfall Bakogiannis (1989), wo die Staatsanwältin dem damals blutjungen Kostaris die Täterschaft anlastet.

Abweichend vom Urteil erster Instanz beantragt die Staatsanwältin, Ch. Xiros und Kondylis der Beihilfe schuldig zu sprechen. In erster Instanz waren beide Angeklagte als Täter des Mordversuchs schuldig gesprochen worden. Ansonsten bleibt es beim alten Urteil: Beihilfe für Koufodinas. Ausnahmsweise wird Giotopoulos nicht der Anstiftung beschuldigt, wohl, weil bei einem Autoklau keine Schießerei mit der Polizei eingeplant wird. Die Staatsanwaltschaft versäumt allerdings, wenigstens wegen Anstiftung  für den Autoklau einen Schuldspruch zu fordern. Ein grober Fehler zugunsten eines unbeugsamen Terroristen...

Raketenanschlag auf die Firma Biochalko, 1991: Abweichend vom Urteil erster Instanz reduziert die Staatsanwältin die Anklage von Mordversuch auf Auslösung einer Explosion, da der Wächter angegeben hatte, das Gebäude vor dem Anschlag verlassen zu haben, was für die Täter offensichtlich gewesen sei. Sie beantragt Schuldsprüche mit entsprechend milderen Strafen als im ersten Urteil für Ch. Xiros (Täterschaft), Koufodinas (Beihilfe) und Giotopoulos (Anstiftung). Der Antrag betrifft auch Savvas Xiros, dessen Verurteilung als Gehilfe zum Mordversuch ebenfalls in eine Verurteilung als Gehilfe bei der Auslösung einer Explosion umgewandelt werden würde. (Siehe auch untenstehende Anmerkungen.)

Raketenanschlag auf Paleokrassas, bei dem ein Unbeteiligter zu Tode kam, 1992: Die Staatsanwältin plädiert auf Mord in einem und Mordversuch in sieben Fällen und beantragt Schuldsprüche für Koufodinas als Täter, Ch. Xiros als unmittelbaren Mittäter, Tzortzatos und Tellios als Gehilfen. Ach ja, und natürlich Giotopoulos als Anstifter.

Mordversuch Papadimitriou, 1992: Der konservative Parlamentarier war in die Beine geschossen worden, trotzdem lautet die Anklage auf Mordversuch. Und wie zu erwarten, lässt die Staatsanwältin die Selbstbezichtigung von Savvas Xiros zugunsten von Tzortzatos hier nicht gelten. Schließlich ist Tzortzatos ja auch kein Kronzeuge... Die Anträge: Tzortzatos als Täter, Koufodinas als Gehilfe, Giotopoulos als Anstifter.

Mordfall Vranopoulos, 1994: Die Staatsanwältin fordert Schuldsprüche für Koufodinas als Täter und Giotopoulos als Anstifter.

Mordversuch Sipahioglu, 1994: Koufodinas und Kondylis wegen Beihilfe, Giotopoulos als Anstifter.

Raketenanschlag gegen den Fernsehsender Mega, 1995: Die Anklage lautet auf Mordversuch in 7 Fällen, die Staatsanwältin beantragt entsprechende Schuldsprüche für Koufodinas als Täter und Giotopoulos als Anstifter.

Raketenanschlag auf die Athener US-Botschaft, 1996: Die Staatsanwaltschaft beantragt Schuldsprüche für Koufodinas und Kondylis wegen Beihilfe, Giotopoulos wegen Anstiftung. Abweichend vom Urteil erster Instanz beantragt sie Freispruch aus Mangel an Beweisen für den erstinstanzlich wegen Beihilfe verurteilten Vassilis Xiros.

Anmerkungen:

Die Staatsanwältin bezog sich auch heute kaum auf den vom Berufungsverfahren ausgeschlossenen Savvas Xiros. Dieser war in erster Instanz als (Mit-)Täter für viele der Anschläge verurteilt worden, darunter auch die, in denen in der obigen Aufzählung keine Täter, sondern nur Helfer angeführt sind. Eine Änderung in der Beurteilung einer Straftat mit mildernden Auswirkungen auf die zu erteilenden Strafen betrifft aber auch Savvas, sofern er, wie im Fall Biochalko, in erster Instanz für die härtere Version verurteilt wurde.

Wenn nicht anders angegeben, folgt die Staatsanwältin in ihren Anträgen auch heute genau den Schuldsprüchen aus dem Urteil in erster Instanz.

212. Verhandlungstag, Freitag, 16. Februar 2007

Vierter und letzter Tag des Plädoyers der Staatsanwältin und ihrer Anträge für Schuldsprüche hinsichtlich der einzelnen Anschläge:

(Eine Auflistung der Anschläge mit Datum und Angaben zu den Opfern unter: http://www.widerstand-repression-griechenland.de/erk/erk_17n/Uebersicht-Anschlaege.htm)

Mordfall Peratikos, 1997: Gestützt auf vorprozessuale Aussagen der Angeklagten und Aussagen von Zeugen, von denen einer Koufodinas und ein anderer V. Xiros im gleichen Täter erkannt haben will, beantragt die Staatsanwältin Schuldsprüche für Koufodinas und V. Xiros wegen Beihilfe und Giotopoulos wegen Anstiftung.

Raketenanschlag mit Sachschaden auf das Wohnhaus des Deutschen Botschafters in Athen, 1999: Obwohl die Behörden davon ausgehen, dass bei dem Anschlag lediglich Sachschaden geplant war – was die Organisation in ihrer Anschlagserklärung bestätigt –, plädiert die Staatsanwältin auf Mordversuch. Ihr Antrag: Schuldsprüche für Koufodinas und V. Xiros wegen Beihilfe und Giotopoulos wegen Anstiftung.

Mordfall Steven Saunders, 2000: Koufodinas als Täter, V. Xiros als Gehilfe und Giotopoulos als Anstifter. Für die ebenfalls angeklagte A. Sotiropoulou plädiert die Staatsanwältin auf unschuldig.

Bombenanschlag in Piräus, bei dem Savvas Xiros schwerverletzt festgenommen wurde, 2002: Koufodinas wegen Beihilfe, A. Sotiropoulou unschuldig. Und natürlich Giotopoulos als Anstifter.

Zuletzt geht die Staatsanwältin noch einmal auf A. Sotiropoulou ein. Die Angeklagte war in erster Instanz freigesprochen worden, die Staatsanwaltschaft hatte Berufung eingelegt und Sotiropoulou erneut der Mitgliedschaft in der Organisation und der Beihilfe in drei Fällen beschuldigt. Die Staatsanwältin ist sich zwar sicher, dass die Angeklagte von der Mitgliedschaft ihres Lebensgefährten Koufodinas in der Organisation gewusst habe. Dies ist aber noch nicht strafbar. Bezüglich des Vorwurfs der Mitgliedschaft und der Beihilfe schließt sich in ihrem Plädoyer jedoch dem Urteil aus erster Instanz an und plädiert auf Freispruch.

Anmerkung:

Wenn nicht anders angegeben, folgt die Staatsanwältin in ihren Anträgen auch heute genau den Schuldsprüchen aus dem Urteil in erster Instanz. Der in erster Instanz als Täter in einigen der heute behandelten Anschlägen verurteilte Savvas Xiros wird wieder nicht erwähnt, da er vom Berufungsverfahren ausgeschlossen ist.

Im Folgenden ist der Stellvertretende Staatsanwalt G. Vlassis an der Reihe. Auch er muss natürlich die Chance ergreifen, seine Karriere mit einem entsprechenden Plädoyer zu fördern. Wir wollen nicht vergessen, dass so mancher Richter und Staatsanwalt aus den 17N und ELA Prozessen inzwischen befördert wurde. Da seine Ausführungen in der Sache aber nichts Neues bringen, wird hier auf eine Wiedergabe seiner Analyse der Persönlichkeit der Angeklagten verzichtet.

Neben einer „Analyse“ der „Führungspersonen“ der Organisation und der „Erklärung“, warum das Gesetz, nachdem niemand nur aufgrund von Aussagen seiner Mitangeklagten schuldig gesprochen werden darf, im vorliegenden Fall nicht gelten könnte (!), hat der Stellvertretende Staatsanwalt aber noch Substanzielles in Bezug auf einige Raubüberfälle der 17N beizutragen. Zu den Raubüberfällen hatte sich die Staatsanwältin nicht geäußert, jeder muss ja Stücke vom Kuchen (sprich Anträge für Schuldsprüche) verteilen können.

Überfall auf die Poststelle in der Patission Strasse: Koufodinas als Täter wegen Raubes und Mordversuchs, Tzortzatos und Tselentis als Gehilfen, Giotopoulos als Anstifter.

Überfall auf die Poststelle im Stadtteil Aigaleon: Koufodinas als Täter für Raub und Mordversuch, Tzortzatos und Ch. Xiros als Gehilfen, Giotopoulos als Anstifter nur für Raub, da er in diesem Fall nicht damit habe rechnen können, dass ein Polizist ausgerechnet zum Zeitpunkt des Überfalls an der Poststelle vorbeikommen würde.

Überfall auf eine Filiale der griechischen Nationalbank in Athen: Ch. Xiros als Täter, Koufodinas und V. Xiros als Gehilfen und Giotopoulos als Anstifter für Raub.

Überfall auf ein Zweigstelle des staatlichen Telefonkonzerns OTE in Piräus: Koufodinas und V. Xiros als Gehilfen und Giotopoulos als Anstifter für Raub.

Überfall auf die Zentrale des staatlichen Telefonkonzerns OTE in Athen: Koufodinas, Karatsolis und V. Xiros als Gehilfen und Giotopoulos als Anstifter für Raub.

Diebstahl von Waffen aus einem Militärdepot: Schuldspruch wegen Beschaffung von Sprengstoff für Koufodinas, Ch. Xiros, Tzortzatos, Kostaris, Th. Serifis. Anstifter: Giotopoulos. Abweichend vom Urteil erster Instanz plädiert der Stellvertretende Staatsanwalt auf Freispruch für Karatsolis.