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Jungle > World: Nr. 33/2002
- 07. August 2002
Legende am Ende
Keine Festnahmen, keine Unterstützerszene. Die Stadtguerilla
17. November war ein Rätsel. Ihre Mitglieder erzählen jetzt
alles Mögliche, nur nichts über ihre Motive. von harry
ladis , thessaloniki
Später Sieg. Von Politik verstanden die Mitglieder der Gruppe
17. November wenig. Doch ihre bewaffneten Aktionen waren spektakulär,
und die Gruppe wurde erst nach 27 Jahren aufgespürt. Was für die
griechische Stadtguerilla das Ende bedeuten könnte, ermöglicht es
dem Staat, sich als zuverlässiger Kämpfer gegen denTerrorismus
zu präsentieren. Und das hilft, wenn man sich als Regionalmacht
etablieren möchte.
Fassungslos verfolgen die Griechen die Ereignisse der letzten Wochen.
In atemberaubender Geschwindigkeit werden die jahrzehntelang vergeblich
gesuchten Mitglieder der Stadtguerilla-Gruppe 17. November gefasst.
Zugleich gelangen spektakuläre Informationen über das Innenleben
der Organisation an die Öffentlichkeit.
Zwar
wurden manche dieser Meldungen von den Anwälten der Verhafteten
bestätigt. Aber Gewissheit darüber, ob sämtliche dieser Informationen
stimmen, und vor allem, wie sie zustande gekommen sind, gibt es
nicht. Alles scheint zu einfach, um wahr zu sein.
Phantom mit Familie
Am Anfang
steht die vorzeitige Explosion einer Bombe in den Händen von Savvas
Xeros am 29. Juni in Piräus ( Jungle
World, 29/02). Das bringt die Polizei auf die Spur der Gruppe 17.
November, die bis dahin die Verantwortung für mehrere Dutzend Anschläge
übernehmen konnte, ohne dass je ein einziges Mitglied verhaftet
oder auch nur identifiziert wurde. Innerhalb weniger Wochen fallen
durch die Aussagen der Verhafteten nacheinander 15 Gruppenmitglieder
in die Hände der Polizei.
Erstaunlich
ist, dass die Inhaftierten anscheinend dazu bereit sind, mit den
Behörden zusammenzuarbeiten und andere zu belasten. Nicht minder
überraschend ist das gediegene Leben, das sie geführt haben. Die
meisten von ihnen wurden zu Hause bei ihren Familien oder am Strand
verhaftet.
Perfekte
Konspiration, Effektivität und Linkspopulismus waren die Markenzeichen
der Organisation, die sich nach dem Datum der blutigen Unterdrückung
des Aufstands gegen die damalige Militärjunta benannte, der 1973
an der Polytechnischen Universität Athen stattfand. Ihre ersten
Aktionen - Attentate auf einen ranghohen Vertreter der CIA sowie
einen bekannten Folterer der Junta - sorgten für eine gewisse Zustimmung
in der Bevölkerung, die sieben Jahre lang unter der von den USA
unterstützten Obristendiktatur gelitten hatte.
Im Folgenden
boten die ausbleibenden Verhaftungen, die verhältnismäßig zögerlichen
Fahndungsmaßnahmen und das Fehlen eines öffentlich wahrnehmbaren
politischen Umfelds Anlass für wilde Spekulationen. Wer steckte
dahinter? Ältere Maoisten? Die griechischen Geheimdienste? Gar die
CIA?
Bis
in die achtziger Jahre war der Ruf der Gruppe in Teilen der Linken
und der Bevölkerung widersprüchlich. Einerseits galt sie als "Rächerin",
andererseits hegte man den Verdacht, es handle sich bei ihr um eine
Organisation, die von staatlichen Stellen zumindest beeinflusst
war.
Im abgelaufenen
Jahrzehnt wurden ihre Bekennerschreiben vollends zu sozialen, nationalistischen
und antiamerikanischen Pamphleten, während sich die militanten Aktionen
immer häufiger gegen unbekannte und untergeordnete Funktionsträger
richteten. Damit verlor die Gruppe alle Sympathien.
Zudem
konnten Organisationen wie die KP Griechenlands oder Dikki
(eine linke Abspaltung der sozialdemokratischen Pasok )
den Linkspopulismus, den Antiamerikanismus und die Ressentiments
gegen die Türkei und Europa besser bedienen. Die Ideologie der Gruppe
war viel weniger radikal als ihre mörderische Praxis.
Väter und Söhne
Der
Priestersohn Savvas Xeros war die erste Überraschung.
Ein nur dürftig politisierter Ikonenmaler aus Thessaloniki sollte
plötzlich eines der aktivsten Mitglieder des 17. November gewesen
sein.
Nach
ihm wurden seine beiden Brüder verhaftet. Einer von ihnen, Christodoulos
Xeros , ist eine ergiebige Quelle für die
Ermittler. Erst am Freitag letzter Woche wurde wegen seiner Aussagen
in Athen ein stadtbekannter Syndikalist verhaftet, den die Polizei
überhaupt nicht im Verdacht hatte. Savvas
und Christodoulos Xeros
sind bisher die einzigen, die auch die Verantwortung für nicht verjährte
Morde übernommen haben. An ihrer Zusammenarbeit mit der Polizei
besteht kein Zweifel.
Das
Alter und die Aussagen der Verhafteten deuten darauf hin, dass sich
drei Mitgliedergenerationen des 17. November unter den Inhaftierten
befinden. Vier gehörten zu den Gründern, die während der Militärdiktatur
im Exil lebten. Dazu sollen auch ein Mann und eine Frau zählen,
nach denen noch gefahndet wird.
Weitere
acht Personen rechnet die Polizei zur zweiten Generation. Allerdings
fehle der "kaltblütigste Vollstrecker", der Bienenzüchter Dimitris
Koufodinas. Diese Generation soll zwischen
1983 und 1987 rekrutiert worden sein. 1995 schließlich soll die
jüngste Generation hinzugekommen sein.
Legt
man ihre Aussagen zu Grunde, ist es kaum vorstellbar, dass diese
unpolitischen Menschen einen brutalen bewaffneten Kampf geführt
haben sollen. So sagte der dritte der Xeros-Brüder , Vassilis , in seiner
Vernehmung: "Mit meinem Bruder Savvas
habe ich einige allgemeine Diskussionen darüber geführt, dass die,
die Kohle haben, uns das Blut aussaugen, und dass die Amis Geld
und Macht genug haben, um die Welt zu zerstören. Ich wusste wenig
davon, aber ich habe im Grunde zugestimmt." Seine Verteidiger bestätigen, dass er dies gesagt hat. Auch
die meisten anderen gelten in ihren Bekannten- und Freundeskreisen
als politisch wenig interessierte Personen.
Als
Leitfigur der Gruppe präsentieren die meisten der Verhafteten und
die Polizei den 60jährigen Lehrer Alekos Giotopoulos.
Er wurde auf der kleinen südostägäischen Insel Lipsi
festgenommen, wo er unter falschem Namen ein beschauliches Leben
führte und mit Übersetzungen aus dem Französischen ein Auskommen
hatte.
Seine
familiäre Abstammung ist eine kleine Sensation: Sein Vater Dimitris
Giotopoulos war einer der führenden Köpfe
der Archivmarxisten, einer seit 1923 aktiven Gruppierung, die später
von Leo Trotzki als offizieller Teil der internationalen Linken
Opposition anerkannt wurde. Wegen ihres großen Einflusses in den
Gewerkschaften denunzierte die KP sie als "Schustermesserträger",
obwohl es in Wirklichkeit die KP war, die mehrere Hundert Parteimitglieder
und andere Linke umbrachte.
Im Zweiten
Weltkrieg lösten sich die Archivmarxisten auf, da sie der doppelten
Verfolgung durch die Nazis und die Stalinisten nicht standhielten.
Viele von ihnen wurden hingerichtet oder ermordet.
Alekos
Giotopoulos gibt zu, einen falschen Ausweis besessen zu haben,
alle anderen Beschuldigungen weist er zurück. Er will keinen der
Verhafteten kennen und schweigt deshalb. Außer den belastenden Aussagen
sind die einzigen Indizien gegen ihn ein Fingerabdruck in einem
der vier Lagerräume der Gruppe, die in Athen und Thessaloniki gefunden
wurden, sowie handschriftliche Notizen auf einer Kommandoerklärung.
Das alles sind nicht wirklich zwingende Beweise, um jemanden der
Rädelsführerschaft zu überführen.
Im Beichtstuhl
Das
Verhalten derer, die jetzt im Knast sitzen, gibt Anlass für neue
Spekulationen. Schon länger kursierte das Gerücht, der Staatsapparat
sei über die Zusammensetzung der Gruppe informiert. Jetzt wird vermutet,
der Staat habe eine günstige Gelegenheit abgewartet, um zuzuschlagen.
Für möglich gehalten wird ferner, die Gruppe sei von Agenten infiltriert
gewesen sei, die jetzt auspackten.
Eine
andere Erklärung für die Redseligkeit ist, dass die Regierung die
Aussagen als Gegenleistung dafür verlangt hat, die Verhafteten nicht
in die USA abzuschieben. Wegen der Attentate auf ihre Staatsangehörigen
könnten die USA eine Auslieferung verlangen.
Es gibt
aber auch die Vermutung, Savvas Xeros
sei mit Psychopharmaka behandelt worden, die dazu geeignet waren,
ein Sonderverhältnis zwischen ihm und seinen Betreuern herzustellen.
Seine Freundin Alisia Romero Cortez
erklärte vor der Presse: "Das ist nicht der Mann, den ich kannte.
Der würde niemals jemanden verraten." Merkwürdig
ist auch, dass Xeros auf Verteidiger verzichtet.
Wegen
ihrer Zusammenarbeit mit den Behörden können die Verhafteten nach
dem erst vor sechs Monaten verabschiedeten Anti-Terror-Gesetz auf
eine recht schnelle Freilassung hoffen. Im Grunde aber ist all das
eine spekulative Motivforschung. Vonnöten wäre hingegen eine politische
Bewertung.
Dazu
gehört, dass nach 27 Jahren des bewaffneten Kampfes niemand mehr
da ist, der den 17. November verteidigen würde, nicht ihre Mitglieder,
nicht die Linke, und die Bevölkerung schon gar nicht. Abgesehen
vom schweigenden Alekos Giotopoulos und zwei Männern, die sich nur selbst belastet
haben, plaudern alle anderen offenbar munter drauflos.
Glaubhaften
Berichten zufolge reden sie von einem Fehler, von einer naiven Entscheidung
oder davon, dass sie sich abseilen wollten, aber Angst vor Drohungen
hatten. Jetzt sind sie in Sicherheit. So jedenfalls entsteht der
Eindruck, die Verhafteten erlebten die Erleichterung des Beichtstuhls,
nur dass statt eines Pfaffens der Staatsanwalt die Beichte abnimmt.
Eine
halbwegs politische Erklärung hat offenbar niemand abgegeben, geschweige
denn dargelegt, warum er den bewaffneten Kampf aufnahm. Die Öffentlichkeit
ist verwirrt. Auch der Zuschauer hätte eine stolze und entschlossene
Kämpferpose erwartet. Stattdessen sieht man politisch unreife, reuige,
ahnungslose Durchschnittsbürger, die überhaupt nicht zum Bild der
hemmungslosen Terroristen passen.
Verblüfft
ist auch die Linke, selbst wenn sie den 17. November nicht mochte.
Die Trotzkisten und die KP haben sich von jeder Form des individuellen
Terrors distanziert. Und die Anarchisten haben den 17. November
wegen seiner Verachtung des menschlichen Lebens, wegen der stalinistisch
inspirierten Ideologie und Struktur sowie der antitürkischen und
nationalistischen Ausrichtung abgelehnt.
Eine
weitere Überraschung sind die Kriterien, nach denen die Gruppe ihre
Mitglieder rekrutierte. Die Familienbande, die bei so manchen Griechen
den Wohnort, den beruflichen Werdegang und die Auswahl des Ehepartners
bestimmen, scheinen auch für den Eintritt in die Stadtguerilla maßgeblich
gewesen zu sein. Außer den Brüdern Xeros
sind weitere Verhaftete miteinander vervettert.
Auch
eine andere Besonderheit lässt die Gruppe im Vergleich zu bewaffneten
Gruppen anderer Länder als Unikat erscheinen. Nach ihren eigenen
Angaben haben viele bei der Vorbereitung und Durchführung der Attentate
gar nicht gewusst, gegen wen sie sich richteten. Sie wollen erst
am nächsten Tag aus der Zeitung erfahren haben, wen sie da eigentlich
ermordet hatten. Eine abenteuerliche Geschichte im Zusammenhang
mit politisch motivierten Attentaten, die nicht gegen Bezahlung
ausgeführt wurden.
Oder
doch? Das bei verschiedenen Banküberfällen erbeutete Geld wird auf
sechs Millionen Euro geschätzt. Auch wenn dieser Betrag übertrieben
sein dürfte, die bescheidene Lebensführung aller Verhafteten sowie
das detaillierte Kassenbuch der Guerilla, das in einem Depot entdeckt
wurde und in dem bis hin zu Ausgaben von ein paar Euros alles notiert
ist, verweisen auf keine größeren finanziellen Aktivitäten. Wohin
das Geld floss, bleibt unklar.
Stimme aus dem Off
Am Mittwoch
vergangener Woche tauchte eine sensationelle, mit "17. November"
unterzeichnete Stellungnahme auf. In diesem an Eleftherotypia
geschickten Schreiben, das die Tageszeitung mit einer zweiten Ausgabe
am selben Tag landesweit verbreitete, wird die Verhaftung von Mitgliedern
eingeräumt. Das sei aber nicht das Ende der Gruppe. Es verhindere
keine künftigen Aktionen, sondern verzögere sie nur. Manche der
Verhafteten seien Unbeteiligte, andere Teile der Gruppe seien unversehrt.
Die
Polizei und die Medien bezweifeln die Echtheit dieser Erklärung.
Nicht grundlos, denn der Stil und der Inhalt heben sich deutlich
von früheren Dokumenten ab. In der Erklärung ist jedoch davon die
Rede, die Polizei habe belastendes Video- und Fotomaterial über
den 1997 ermordeten Reeder Kostas Peratikos , das sich in einem der entdeckten Depots befunden
haben soll, nicht veröffentlicht.
Während
die Sicherheitskräfte dies abstreiten, wird in dem Schreiben angekündigt,
Kopien dieses Materials zu verbreiten. Sollte es dazu kommen, wäre
die Fortexistenz der Gruppe wohl bewiesen. Bis dahin aber lässt
sich nichts Sicheres über die Authentizität des Schreibens sagen.
Dabei
gibt es sogar Auskunft darüber, wo das verschwundene Geld geblieben
sein soll. Man habe die Beute für Kleidung, Ernährung und medizinische
Versorgung von Armen verwandt, die dem "Sozialstaat unbekannt" seien.
Ein merkwürdig später Hinweis auf publicitywirksame Robin-Hood-Aktionen.
Die
Anschläge werden zumeist gerechtfertigt. Aber es wird auch, was
es zuvor nicht gab, Bedauern über die "unschuldigen Opfer des Krieges"
geäußert. Zu ihnen zählt der Student Thanos
Axarlian , der 1992 bei einem misslungenen
Bombenattentat auf den damaligen Finanzminister Theodoros
Paleokrassas ums Leben kam und seitdem
als Symbol des Kampfes gegen den Terrorismus gilt. "Sein Schatten
wird uns folgen, bis wir ihm begegnen", heißt es in deutlich religiösem
Ton.
Der
letzte Mordanschlag der Gruppe, der im Sommer 2000 dem britischen
Militärattaché Stephen Saunders ( Jungle
World, 25/00) galt, wird hingegen verteidigt, da er im Kosovo-Krieg
als Offizier für den Tod von Zivilisten verantwortlich gewesen sei.
Fit für die Spiele
Was
immer diesem Schreiben folgen mag, schon ist klar, dass die Pasok-Regierung
die Gewinnerin dieser Affäre ist. Ministerpräsident Kostas
Simitis und Sicherheitsminister Michalis
Chrisochoidis stehen als Helden da, die
Unmögliches erreicht und spielerisch den prachtvollsten Triumph
der letzten Jahrzehnte eingefahren haben.
Justiz
und Polizei agieren so vorsichtig, dass Menschenrechtsorganisationen
und Linke keine Kritik am Umgang mit den Verhafteten vortragen.
Wie sollten sie auch, wenn sogar die Terroristen zufrieden sind?
Die
meisten sind aussagebereit, einige verzichten auf einen Rechtsbeistand,
und manche haben sich sogar öffentlich bei der Staatsanwaltschaft
dafür bedankt, dass die für sie hergerichteten Zellen schön und
gemütlich seien. Angesichts des Falles sind ihre Haftbedingungen
außergewöhnlich: zwölf Quadratmeter mit Toilette, täglich drei Stunden
Hofgang, den die Brüder Xeros gemeinsam
verbringen dürfen, tägliche Anwaltsbesuche und zweimal wöchentlich
Verwandtenbesuche.
Wer
unkooperativ ist, bekommt eine andere Gangart zu spüren. So beschwerten
sich die Verteidiger von Alekos Giotopoulos
über die Haftbedingungen, die "rechtswidrig, unmenschlich und erniedrigend"
seien. 23 Stunden am Tag verbringe er in Isolationshaft, auch beim
Hofgang sei er allein. Zeitungen, Bücher, ein Fernseher und Schreibmaterial
würden ihm verweigert, nur für eine Stunde am Tag dürfe er seine
Anwälte empfangen.
Die
ersten, die Savvas Xeros nach dem Bombenunfall
verhörten, waren Experten von Scotlard
Yard, die seit dem Attentat auf Saunders in Griechenland tätig sind
und die örtliche Polizei bei der Fahndung unterstützen. Die von
allen Seiten offen zugegebene Mitwirkung US-amerikanischer und besonders
britischer Dienste lässt das sonst reizbare Nationalempfinden kalt.
Es ist
allen klar, dass die Bekämpfung des Terrorismus die notwendige Wende
in der griechischen Politik ist, um Griechenland zu einem sicheren
Land für die Olympischen Spiele im Jahr 2004 zu machen. Und zu einem
unsicheren für jede radikale Stimme.
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