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von Heike Schrader, Athen  

junge Welt, 18.12.2003

Das Ende der 17 N  

30 Jahre nach ihrer Gründung wurden in Griechenland die Urteile gegen die Bewegung 17. November gesprochen  

Als am 29. Juni 2002 der Zünder einer Bombe in den Händen des Ikonenmalers und Pfarrersohnes Savas Xiros explodierte, läutete dies das Ende einer fast 30jährigen Geschichte des bewaffneten Kampfes in Griechenland nach der Diktatur ein.

Angefangen hatte alles am 23. Dezember 1975. Die bis dahin unbekannte "Revolutionäre Organisation 17. November" erschoß den Sekretär der US-amerikanischen Botschaft und Verantwortlichen der CIA in Athen, Richard Welch, vor seinem Haus im Norden Athens. In der Erklärung zu dem Anschlag, die am 26. Dezember in der griechischen Tageszeitung Elefterotypia (Freie Presse) abgedruckt wurde, bezeichneten die Täter den "US-amerikanischen Imperialismus" als Verantwortlichen für unzählige Verbrechen am griechischen Volk, darunter den Sturz der Regierung Papandreou 1965, den Putsch und die Unterstützung der Militärdiktatur von 1967 sowie den Einmarsch der Truppen der Türkei auf Zypern im Juli 1974.

Eine der wichtigsten Parolen der Studenten, die im November 1973 aus Protest gegen die Militärdiktatur in Griechenland die Universität von Athen besetzten, war die Forderung "Amerikaner raus aus Griechenland". Sowohl mit ihrem Namen - die Besetzung wurde von Soldaten des Regimes am 17. November 1973 blutig beendet - als auch mit ihrem Anschlag wollte die Organisation an die noch immer unerfüllte Forderung "des Aufstands des griechischen Volkes" anknüpfen.

In den nächsten Jahren verübte die 17N Anschläge auf verschiedene Verantwortliche der US-amerikanischen und britischen Streitkräfte und der CIA in Griechenland sowie auf Angehörige der griechischen Geheimdienste und Sondereinheiten, wie den für seinen Einsatz als Folterer während der Diktatur berüchtigten Polizeioffizier Evangelos Mallios. Ab etwa Mitte der 80er Jahre waren nicht mehr nur ausländische Geheimdienste und griechische Anhänger der Militärdiktatur erklärte Ziele der Organisation. Die Anschläge der 17N richteten sich nun auch gegen griechische Industrielle, Besitzer von Massenmedien und Politiker. 19 Morde, mehr als 80 Anschläge mit Bomben und Raketen, Banküberfälle und Einbrüche in Kasernen und Waffenlager der griechischen Armee - darunter der Diebstahl eines Raketenwerfers aus dem Kriegsmuseum in Athen - gehen auf das Konto der Organisation.

Alle Versuche der griechischen Polizei und der Geheimdienste, die Mitglieder der "Revolutionären Organisation 17. November" zu enttarnen und die Verantwortlichen für die Anschläge zu verhaften, blieben trotz tatkräftiger Unterstützung diverser ausländischer Geheimdienste erfolglos. Auch die Millionen Kopfgelder, ausgesetzt auf Hinweise für die Ergreifung von Mitgliedern der 17N, brachten kein Ergebnis. Die Erfolglosigkeit der Fahndung nach den Mitgliedern der Organisation führte zu zahlreichen Spekulationen und Theorien über die Verwicklung von Geheimdiensten in die Anschläge oder hochrangige Unterstützer der Organisation aus Politik und Industrie. Einer der Hauptverdächtigen war der Industrielle Sokratis Kokalis, dem in unregelmäßigen Abständen immer wieder enge Kontakte zur Staatssicherheit der DDR nachgesagt wurden. Mitglieder der rechtsliberalen Oppositionspartei Nea Demokratia mutmaßten, daß die Organisation über Kontakte in führende Zirkel der Regierungspartei PASOK verfüge. Eines hatten alle Theorien jedoch gemeinsam. Keine von ihnen konnte ihre Glaubwürdigkeit durch Beweise erhärten.



Von selbst ausgeliefert

Es war die Organisation selbst, die sich schließlich der Staatsmacht auslieferte. Sei es durch einen Unfall, sei es durch Manipulation explodierte am 29. Juni 2002 der Zünder einer Bombe, die für einen Anschlag auf das Büro der Minoan Ferries im Hafen Piräus gedacht war. Da nur der Zünder in den Händen von Savas Xiros explodierte, überlebte der Attentäter, wenn auch schwer verletzt. Entgegen früheren Anschlägen, bei denen Mitglieder der Organisation verwundet wurden, wurde Savas Xiros nicht von Mitkämpfern in Sicherheit gebracht. Bei seiner Verhaftung fand die Polizei die Waffe, mit der mehrere Attentate der 17N verübt worden waren, sowie Schlüssel zu einer Wohnung im Zentrum Athens, die sich als Waffenlager der Organisation entpuppte.

Die Tatsache, daß Savas Xiros verletzt im Stich gelassen wurde und vor allem der Zeitpunkt der Explosion gaben Anlaß zu erneuten wilden Spekulationen. Ausgerechnet zwei Jahre vor den Olympischen Spielen und inmitten einer Diskussion um die Effektivität der griechischen Sicherheitskräfte gab es den ersten "Fahndungserfolg" nach 27 Jahren erfolglosem im dunkeln tappen. Beispielhaft ist die Fiktion des Schriftstellers Gerard de Villiers in seinem Roman "Le parrain du 17 Novembre". Nach de Villiers hatte Großbritannien damit gedroht, ihre Athleten bei den Olympischen Spielen nicht antreten zu lassen, wenn der Mörder des Militärattachés Steven Saunders nicht gefaßt würde. Für den Anschlag im März 2000 hatte die 17N die Verantwortung übernommen. Die griechischen Sicherheitskräfte fädelten daraufhin ein Komplott in der vom Geheimdienst unterwanderten Organisation ein, das zur Verhaftung von genügend Terroristen führte, um die Briten zu beruhigen. Soweit der Roman...

In ersten Vernehmungen noch während seiner Behandlung im staatlichen Krankenhaus Evangelismos in Athen und ohne Beisein eines Rechtsanwaltes gab Savas Xiros die Namen verschiedener Genossen preis. In den folgenden Wochen überschlugen sich die Medien mit Berichten von Verhaftungen, Entdeckungen anderer konspirativer Wohnungen und Waffenlager sowie Ankündigungen weiterer "Fahndungserfolge". Wie Dominosteine gaben die jeweils neu Verhafteten Anstöße, die zur Verhaftung immer weiterer Verdächtiger führten. Höhepunkt war die Ergreifung des 59jährigen Alexandros Giotopoulos, eines ehemaligen Aktivisten gegen die Militärdiktatur, der seit Jahren friedlich, wenn auch unter falschem Namen auf der griechischen Insel Lipsi lebte. Ihm wurde die Führerschaft der "Revolutionären Organisation 17. November" vorgeworfen.

Während so die meisten der angeblichen Mitglieder der Organisation wie reife Trauben in die Hände der Polizei fielen, verlief die Suche nach dem "zweiten Mann der Organisation" erfolglos. Verdächtigt wurde der 45jährige Imker Dimitris Koufontinas, der sich Anfang September selbst der Polizei stellte. Er hatte sich auf Angistri, einer Insel wenige Seemeilen von Athen entfernt, versteckt.



Das Gericht

Am 3. März 2003 wurde vor dem Kriminalgericht im eigens dafür umgebauten Frauengefängnis in Koridallou, einem Stadtteil von Piräus, der Prozeß gegen 19 Verdächtige der "Revolutionären Organisation 17. November" eröffnet. Die Angeklagten waren für die Monate des Prozesses in unterirdischen Zellen im Gerichtsgebäude inhaftiert. Aus dem Zellentrakt drei Meter unter der Erde führt ein Gang zu einer für die Angeklagten reservierten Tür zum Gerichtssaal. Unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen und unter Ausschluß von Kameras begann die Gerichtsverhandlung des dreiköpfigen Gerichtes unter dem Vorsitz von Richter Michalis Margaritis. Erster Streitpunkt war jedoch nicht eine der mehr als 2 500 Anschuldigungen, sondern der auf Antrag des Justizministeriums errichtete schußsichere gläserne Käfig, in dem die Angeklagten sitzen sollten. Er wurde auf Antrag der Angeklagten und unter Zustimmung der Vertreter der Anklage wieder entfernt.

In fast neun Monaten Gerichtsverhandlung wurde gegen die 19 Angeklagten vor allem wegen Mord, versuchtem Mord, Bombenanschlägen, Bankraub, bewaffnetem Raub, illegalem Waffenbesitz und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verhandelt. Dabei machte der Vorsitzende Richter Michalis Margaritis deutlich, daß das Gericht zwar die politischen Motive der Angeklagten für ihre Taten zur Kenntnis nehme, diese aber keinen Einfluß auf das Urteil und das Strafmaß haben würden.

Gleichzeitig stand das Gericht mehreren Problemen gegenüber. So war die Beweiskraft vieler Zeugen der Anklage sehr dürftig. Beispielsweise gab einer der Zeugen an, in einem der Angeklagten den maskierten Täter bei einem Anschlag am Kehlkopf und am Genick erkannt zu haben. Eine andere Zeugin gab die Anzahl der an einem anderen Anschlag beteiligten Täter zunächst mit zwei an, erhöhte dann im Laufe der Befragung auf drei, später auf vier bis fünf, um am Schluß wieder auf drei zurückzukommen.

Als materielle Beweise standen der Anklage vor allem Schlüssel zu den konspirativen Wohnungen und Waffenlagern der Organisation, die bei den Angeklagten gefunden worden waren, Fingerabdrücke in den Wohnungen und Waffenlagern und im Falle des als Anführers angeklagten Alexandros Giotopoulos handschriftliche Korrekturen auf den Erklärungen der Organisation zur Verfügung. Angesichts der unzureichenden Beweismittel stützte sich die Anklage in ihren Plädoyers in hohem Maße auf die Aussagen der Angeklagten gegenüber der Polizei und der Staatsanwaltschaft vor Beginn des Prozesses.

Die meisten Angeklagten, unter ihnen Savas Xiros, hatten jedoch ihre früheren Aussagen widerrufen, lediglich die Angeklagten Patrokolos Tselentis, Kostas Telios und Sotiris Kondylis standen zu ihren Aussagen, in denen sie mehrere ihrer Mitangeklagten belasteten. Im Laufe des Prozesses entwickelten sie sich zu den Hauptzeugen der Anklage. Für eine Verurteilung ist jedoch nach griechischem Recht die Belastung durch Mitangeklagte nicht hinreichend.

Die meisten Angeklagten, darunter auch Alexandros Giotopoulos, bezeichneten sich als unschuldig. Andere, wie die Brüder Iannis und Thomas Serifis, bekannten sich schuldig im Anklagepunkt Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, verweigerten aber Aussagen, die ihre Mitangeklagten belasten würden. Dimitris Koufontinas übernahm die "politische Verantwortung für alle Aktionen der revolutionären Organisation 17. November", erklärte allerdings gleichzeitig das Gericht für nicht zuständig, über die Organisation und ihre Taten zu richten. Dies stünde allein dem griechischen Volk und der Geschichte zu.



Die Entscheidung

Am 24. November, nach fast 1000 Stunden Verhandlung vertagte sich das Gericht für neun Arbeitstage Bedenkzeit zur Entscheidungsfindung. Am 8. Dezember 2003 verkündete Richter Michalis Margaritis in einer etwa einstündigen Lesung das Urteil für die Angeklagten in den verschiedenen Anklagepunkten. Das endgültige Strafmaß legte das Gericht am 17. Dezember fest. Es entspricht mit kleinen Änderungen den Anträgen der Staatsanwaltschaft.

Freigesprochen wurden Iannis Serifis vom Vorwurf der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, des illegalen Waffenbesitzes und des illegalen Besitzes von Sprengstoff, Anestis Papanastasiou vom Vorwurf der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Theologos Psaradellis vom Vorwurf der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, des Besitzes und der Beschaffung von Sprengstoff, des illegalen Waffenbesitzes sowie der Teilnahme an zwei Raubüberfällen. Ebenfalls freigesprochen wurde die Frau des Angeklagten Dimitris Koufontinas, Angeliki Sotiropoulou, vom Vorwurf der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, der Beschaffung von Sprengstoff , des illegalen Waffenbesitzes sowie der Teilnahme am Attentat auf den britischen Militärattaché Steven Saunders und an einem Sprengstoffanschlag.

Schuldig gesprochen des Mordes und versuchten Mordes in mehreren Fällen, der Verübung von Sprengstoffanschlägen sowie der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung wurden die Angeklagten Dimitris Koufontinas, Vasilis Tzopzatos, Iraklis Kostaris, sowie die Brüder Savas und Christodoulos Xiros. Sie wurden zu Haftstrafen in Höhe von einmal bis mehrmals lebenslänglich verurteilt. Die höchste Strafe in dieser Gruppe gilt Dimitris Koufontinas. Für ihn verfügte das Gericht 13mal lebenslänglich.

Langjährige Haftstrafen von bis zu 25 Jahren, jedoch nicht lebenslänglich, bekamen die Angeklagen Dionisis Georgiadis (schuldig der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und der Verübung eines Sprengstoffanschlages), Nikos Papanastasiou (schuldig der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung), Paulos Serifis (schuldig der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung), Konstantinos Karatsoflis, (schuldig der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, der Beschaffung von Sprengstoff, des illegalen Waffenbesitzes und der Verübung von Raubüberfällen) sowie Vasilis Xiros (schuldig der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung sowie der einfachen Teilnahme an Sprengstoffattentaten, Raubüberfällen sowie zwei Attentaten).

Mit Strafmilderung rechen können die Angeklagten Sotiris Kondylis (schuldig der einfachen Teilnahme an Sprengstoffanschlägen und Attentaten), Patrokolos Tselentis (schuldig der einfachen Teilnahme an 27 Attentaten sowie der Teilnahme an Raubüberfällen) und Kostas Telios (schuldig der einfachen Teilnahme an acht Attentaten sowie an einem Raubüberfall) wegen ihrer Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft aufgrund des Reuegesetzes. Allerdings verhängte das Gericht für alle Anklagepunkte mehrjährige Haftstrafen, die in ihrer Summe die Höchstgrenze von 25 Jahren für die tatsächlich abzusitzende Strafe überschreiten.

Ebenfalls auf Strafmilderung hoffen kann der Angeklagte Thomas Serifis, schuldig der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, der Beschaffung von Sprengstoff, der Teilnahme an einem Sprengstoffanschlag, sowie der Teilnahme an Raubüberfällen. Thomas Serifis hatte vor Gericht seine Taten bereut, jedoch keine Angaben gemacht, die Mitangeklagte belasten. Auch ihn erwartet eine langjährige Haftstrafe.

Die höchste Strafe erwartet den als Anführer der Organisation verurteilten Alexandros Giotopoulos. Er wurde als moralischer Täter in allen Fällen (darunter 19 Morde, 97 versuchte Morde, 27 Sprengstoffanschläge und 11 Raubüberfälle) schuldig gesprochen und zu 21mal lebenslänglich verurteilt.

Das letzte Wort im Prozeß der 17 N ist jedoch noch nicht gesprochen. Es ist davon auszugehen, daß einige, wenn nicht sogar alle der Verurteilten in Berufung gehen.

In der Zwischenzeit kündigte der griechische Minister für öffentliche Ordnung die Verhaftungen weiterer Mitglieder der 17N an. Böse Zungen hingegen behaupten, daß schon die bisherigen Verhaftungen ein abgekartetes Spiel gewesen seien, um die Zweifel hinsichtlich der Kompetenz der griechischen Sicherheitskräfte im Blick auf die Olympischen Spiele zu zerstreuen. Der Markt für neue Spekulationen und Verschwörungstheorien ist wieder eröffnet.