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Angehörigeninfo Nr. 298, 10.05.2005

Der ewige Verdächtige

Seit 30 Jahren wird der politische Aktivist Giannis Serifis von den griechischen Behör­den verfolgt. Derzeit steht er wegen mut­maßlicher Mitgliedschaft in der Stadtgue­rillaorganisation "Revolutionärer Volks­kampf' (ELA) vor Gericht.

Im zweiten Prozess gegen mutmaßliche Mit­glieder des ELA ist die Beweisaufnahme ab­geschlossen. In dem seit Anfang Februar lau­fenden Gerichtsverfahren sitzt neben den schon im ersten so genannten "ELA Prozess" zu jeweils 25 Jahren Gefängnis verurteilten Christos Tsigaridas, Irini Athanasaki, Kostas Agapiou und Angeletos Kanas sowie dem da­mals freigesprochenen Michalis Kasimis zu­sätzlich auch der international bekannte Ge­werkschaftler und politische Aktivist Gian­nis Serifis auf der Anklagebank.

Die Anklage wirft Giannis Serifis die Teil­nahme an einem Bombenanschlag des ELA aus dem Jahre 1994 auf einen Polizeibus im Athener Stadtteil Perissos vor, bei dem ein Polizeibeamter ums Leben kam. Für den glei­chen Anschlag waren vier seiner Mitange­klagten bereits im vergangenen Oktober ver­urteilt worden. Zwar hatte das Gericht da­mals keinerlei Beweise für eine Täterschaft vorlegen können. Es folgerte aber aus der un­terstellten Mitgliedschaft der Angeklagten im ELA eine Beihilfe, in welcher Form auch im­mer, an allen Anschlägen der Organisation.

Im zweiten ELA-Prozess wurde der An­schlag in Perissos nur für den im ersten Pro­zess nicht angeklagten Giannis Serifis erneut aufgerollt. Und mit Hilfe eines Augenzeugen will die Anklage diesmal nachweisen, dass Serifis nicht nur am Anschlag beteiligt ge­wesen sei, sondern sogar die Bombe gezün­det habe. Der Zeuge Andreas Koronaios hat­te unmittelbar nach dem Anschlag gegenü­ber der Polizei von einem etwa 30-jährigen Mann berichtet, der mit einem mobiltele­fonähnlichen Fernzünder die Bombe zur Ex­plosion gebracht haben solle. Schon damals waren dem Zeugen auch Fotos des - zum Tat­zeitpunkt 57-jährigen - Giannis Serifis ge­zeigt worden, den der Zeuge allerdings nicht als den Täter erkannt hatte. Als sich Koro­naios acht Jahre später erneut bei der Polizei meldete, weil er im Giannis Serifis im Fern­sehen als den Täter von 1994 erkannt haben wollte, wiesen die Beamten den Zeugen zunächst als unglaubwürdig zurück. Erst im Zuge des erneuten Beweisaufnahmeverfah­rens für den laufenden Prozess griff die Staatsanwaltschaft seine Aussage aus dem Jahre 2002 wieder auf.

Vor Gericht verstrickte sich Koronaios nicht nur hinsichtlich seiner Aussage zur Sache, sondern schon bei den Angaben zur Person in Widersprüche. Invier verschiedenen An läufen gab er verschiedene Berufe und sogar unterschiedliche Geburtsdaten an. Mal woll­te er mit einem Auto am Tatort gewesen sein, mal mit dem Moped, mal alleine, mal zu­sammen mit einem Albaner. In einer Version seiner Aussage hatte er dem tödlich verletz­ten Polizeibeamtem im zerstörten Bus erste Hilfe geleistet, in einer anderen gab er an, der Beamte sei durch die Wucht der Explosion aus dem Bus geschleudert worden. Selbst sei­ne Anwesenheit am Tatort überhaupt ist zweifelhaft, jedenfalls gibt es keinen Zeugen, der Koronaios dort gesehen hat.

Sollte das Gericht trotz aller Ungereimt­heiten und offensichtlichen Falschaussagen der Version des einzigen Belastungszeugen folgen, droht Giannis Serifis eine lebens­längliche Gefangnisstrafe. Aber auch bei ei­nem Freispruch wäre das endlose Martyrium des politischen Aktivisten nicht beendet. Der nächste Gerichtstermin steht bereits fest. An­fang Dezember wird Giannis Serifis erneut auf der Anklagebank sitzen. Die Staatsan~ waltschaft hat gegen seinen Freispruch im Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder der 17N im Dezember 2003 Berufung eingelegt.

Giannis Serifis hat wegen verschiedener Anklagen insgesamt bereits mehrere Jahre in Untersuchungshaft gesessen, ohne jemals verurteilt zu werden. Dieses "Schicksal" teilt er mit mehreren anderen ehemaligen Wider­standskämpfern gegen die griechische Mi­litäIjunta 167-74. Sein derzeitiger Mitange­klagter Kostas Agapiou war Mitglied der Wi­derstandsorganisation Rigas Feraiou. Auch sein im 17N-Prozess zur höchsten Strafe von 13 Mal lebenslänglich verurteilter Mitange­klagter A. Giotopoulos ist im Widerstand ge­gen die Junta aktiv gewesen. Giannis Serifis kämpfte aus dem Exil in Deutschland - für die sozialistische Organisation 28. Oktober gegen die Militärdiktatur. Er wurde 1977, drei Jahre nach dem Sturz der Junta, erstmalig verhaftet. Damals wurde ihm die Teilnahme an einem Bombenanschlag auf die Nieder­lassung der AEG in Athen zur Last gelegt. Er sollte sogar den dabei umgekommenen Grün­der der ELA, Christos Kasimis, erschossen ha­ben. Dessen Bruder Michalis Kasimis drückt mit Giannis Serifes im derzeitigen ELA Pro­zess gemeinsam die Anklagebank.

Heike Schrader, Athen