Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität
Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum
in Athen 2006


MAIL

DIE ZEIT   32/2002  

Bienenzüchter erschießen CIA-Agenten

Die letzten roten Terroristen: Das Ende des 17. November in Griechenland

Michael Thumann

Welch ein Bluff! Ganz Griechenland verfolgt ungläubig, wie die politische Terrorgruppe "17. November" Stück für Stück demaskiert wird. Sie war die gesichtslose Heldin der siebziger, der Mythos der achtziger, der Schrecken der neunziger Jahre. Doch niemand wusste, wer sich hinter den Schüssen und Bomben verbarg. Ein Stoßtrupp intellektueller Avantgardisten, der die sozialistische Revolution für Griechenland herbeischoss? Eine international vernetzte Bande besonders ausgekochter Terroristen? Oder ein Pyromanenregiment des Moskauer KGB, das die Südostflanke der Nato destabilisieren sollte?

Der 17. November spielte lange Zeit in derselben europäischen Terrorliga wie die deutsche Rote-Armee-Fraktion und die Roten Brigaden in Italien. Der politische Links-Terrorismus hielt Europa seit den sechziger Jahren in Atem. Urahn der roten Bombenwerfer war die russische Terror-Ikone Wera Sassulitsch, die 1878 auf den Stadthauptmann von St. Petersburg schoss und danach - von der Menge umjubelt - freigesprochen wurde. Groß war die Tradition, noch größer die Illusionen, am größten die Angst der Mächtigen und Reichen. Wer steckt hinter dem 17. November, der seit 1975 insgesamt 23 Attentate und über 100 Anschläge verübte?

Wie die griechische Polizei seit Anfang Juli in einer Verhaftungsserie enthüllt, handelt es sich um eine Art mittelständisches Familienunternehmen. Zwei griechische Sippen bilden seinen Kern. Ein Terrorpapa ist orthodoxer Pope und wusste von nichts. Drei seiner zahlreichen Söhne, der eine Motorradmechaniker, der zweite Instrumentenbauer, der dritte Ikonenmaler, verwendeten ihr handwerkliches Geschick nach Dienst auf Bombenbasteln und Schießübungen. Sie und ihre Freunde, darunter ein Bienenzüchter und ein Musiker, fuhren gestohlene Mopeds mit den landestypisch abgesägten Auspuffrohren. Von so einem teuflisch knatternden Roller ermordeten der Instrumentenbauer und der Bienenzüchter vor zwei Jahren zum Beispiel den britischen Offizier Stephen Saunders - mit vier Schüssen.

Die zweite Familie stammt aus der malerischen westgriechischen Region Thesprotien. Sie waren Gastarbeiter in deutschen Landen, die Kinder, bei Stuttgart aufgewachsen, machten daheim in Griechenland Karriere. Der eine Spross war Telefonist im Kinderkrankenhaus und im anderen Leben Terrorist, sein Vetter kutschierte täglich als Busfahrer Menschen durch Athen. "Ein wirklich netter Kerl", schwärmt sein Chef über den freundlichen Bombenleger von nebenan.

Bomben für die Nation

Doch wer war der ideologische Kopf der vielseitigen Werktätigen? Andere Geistesgrößen als einen 63-jährigen Mann mit weißen, halblangen Haaren konnte die Polizei bislang nicht verhaften. Alexandros Giotopoulos hatte zu revolutionär bewegten Zeiten, 1968, in Paris eine trotzkistisch-marxistische Gruppe gegründet. Seither fand er keine Zeit mehr, sein Studium der Wirtschaftswissenschaften zu Ende zu bringen. Er gilt als Verfasser der etwas wirren Pamphlete, die der 17. November zur Begründung seiner Attentate hinterließ. Giotopoulos lebte zuletzt unter falschem Namen in Athen und auf der griechischen Insel Lipsi, wo er dadurch auffiel, dass er sein Haus entgegen denkmalpflegerischen Vorschriften lachsrosa anstreichen ließ. Aber den luziden Entwurf für die hellenische Diktatur des Proletariats blieb er schuldig, noch nicht mal Grußbotschaften der RAF und der Roten Brigaden hat er im Familienalbum. Die internationale Vernetzung beschränkte sich auf Briefe der trotzkistischen Exkommilitonen aus Paris. Wie konnten der Salonrevolutionär und das Dutzend Kunsthandwerker so viel Aufsehen erregen?

Den Mythos machte der Name. Am 17. November 1973 hatten auf Befehl der damals herrschenden griechischen Junta Panzer und Polizisten das Athener Polytechnikum gestürmt. Bei dem Angriff kamen 34 der demonstrierenden Studenten ums Leben, über 800 wurden verletzt. Gut ein Jahr nach dem Sturz der Junta, im Dezember 1975, bekannte sich die bis dahin unbekannte Gruppe "17. November" zum Attentat auf den amerikanischen CIA-Residenten Richard Welch. Das kam an. Die griechische Linke beschuldigte die Amerikaner, das Obristenregime nach besten Kräften gestützt zu haben. Seither attackierte der 17. November westliche Diplomaten und Offiziere in Griechenland und konnte sich der klammheimlichen Freude des antiamerikanischen Publikums sicher sein. Die internationalistische Terrortruppe bombte für durchaus nationale Ziele. Derweil tappte die Polizei jahrzehntelang im Dunkeln.

Die Wende kam, als der 17. November begann, griechische Unternehmer und Publizisten zu ermorden. Das antiimperialistische Profil verwischte zunehmend, die Sympathisantenszene schrumpfte. Neben Überfällen auf Waffenlager räumten die schießwütigen Marxisten auch die ein oder andere Bank, sodass der Verdacht aufkam, sie wollten Kapital primär akkumulieren. Als die griechische Polizei Ende Juni den Popensohn und Ikonenmaler Savvas Xiros nach einem misslungenen Anschlag auf Touristen in Piräus festnahm, war die Bühne der Sympathisanten längst leer.

Die Griechen und die lange erfolglos ermittelnde CIA staunen nun über die Banalität der Bombenleger. Ihr Bluff ist enttarnt, Europas letzte marxistische Terrorarmee zerschlagen. Noch wichtiger: Die Revolution fällt aus. Stattdessen können nun die Olympischen Spiele 2004 in Griechenland nach Plan ablaufen.