Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum in Athen 2006
MAIL
|
Neue
Folge - analyse & kritik
- Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 426 / 14.5.1999
Die griechische Sonderrolle
Seit dem Beginn
der NATO-Bombardierungen gegen Rest-Jugoslawien rollt eine Welle
von Anti-NATO Demonstrationen durch Griechenland. Dabei erlebt der
traditionelle griechische Antiamerikanismus eine neue Hochphase.
In jeder Stadt, jedem Dorf findet zumindest einmal in der Woche
eine Versammlung gegen den Krieg statt. Vor allem in den kleinen
Gemeinden fast immer von Griechenlands ältester Partei, der KKE
(Kommunistische Partei Griechenlands) organisiert. Und die hat nun
mal einen Hauptfeind, die USA. Da treten leicht andere Widersprüche
in den Hintergrund. So werden Schulter an Schulter mit der orthodoxen
Kirche Spenden für die "serbischen Brüder" gesammelt.
Auf Demonstrationen schwenken die Nationalisten beider Länder serbische
und griechische Fahnen (mit Hammer und Sichel) der Partei.
Laut Meinungsumfragen
von Mitte April sind zwischen 95 und 98% aller GriechInnen
gegen den Krieg. Oppositionspolitiker - von der rechten Nea Dimokratia ,
über die linksnationalistische Pasok-Abspaltung
Dikki und die Linksallianz, bis hin zur KKE - geben sich in
Belgrad die Klinke von Milosevics' Regierungssitz in die Hand. GewerkschafterInnen und StudentInnen
reisen in jugoslawische Städte und reihen sich dort in die Menschenketten
ein, die letzte Brücken und Betriebe vor NATO-Bomben schützen sollen.
Und wenn anarchistische Gruppen die US-Botschaft in Athen mit Mollies
angreifen, oder eine Filiale von "General Motors" abfackeln,
dann wird sogar das mit unverhohlener Sympathie in der Tagespresse
kommentiert. Die dazu abgegebene Begründung jedoch wird ignoriert.
Die Stimmung ist
also eindeutig, und Ministerpräsident Kostas
Simitis gerät scheinbar immer mehr unter Druck. "Raus
aus der NATO" schalte es von KKE und Dikki ,
"Einstellung der Bombardierungen" von allen Seiten. "Dämon",
"Satan" und "transatlantischer Faschist", so
geißelte das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche, der Erzbischof
von Athen, Christodopoulus den US-amerikanischen
Präsidenten Anfang April. Der für seine chauvinistischen und nationalistischen
Überzeugungen bekannte Oberhirte sprach damit seinen Schäfchen aus der Seele.
Die alten Feindbilder
haben Konjunktur. Die "imperialistischen USA" mit dem
"Faschisten Clinton" an der Spitze, gebrauchen die NATO
als Werkzeug für ihre "mörderischen Pläne". Offensichtlich
seien die Europäer nichts weiter als "Lakaien" der USA.
Die Ziele der sogenannten Lakaien werden
dabei geflissentlich übersehen. Ebenso die Tatsache, daß der Krieg die logische Konsequenz der europäischen, nicht
zuletzt deutschen Politik, der letzten zehn Jahre darstellt: die
Zerschlagung Jugoslawiens nach völkischen Gesichtspunkten.
Gerade noch die
mit einer Mischung aus Neid und Ablehnung betrachteten Deutschen
bekommen manchmal ihr Fett ab. So titelte die linksliberale Elefterotypia
(Pressefreiheit) zu Beginn des Krieges "NATO, NATO über alles"
auf deutsch. Am 6. April, dem Jahrestag der faschistischen Bombenangriffe
auf Belgrad 1941, sendeten alle Fernsehsender die entsprechenden
Archivaufnahmen. In Debatten wurde darauf hingewiesen, daß
"die Deutschen" nun die "Revanche für die Niederlage
im 2. Weltkrieg" nehmen wollen.
Spätestens seit
der "Friedensinitiative Schröder" steht man jedoch fest
zum "starken Partner Deutschland" und kämpft gegen die
"Völkermörder USA". Seit der Militärdiktatur (1967-74),
die sich der aktiven Unterstützung des CIA erfreute, kommt (fast)
alles Übel aus Übersee. Diese Paranoia, verbunden mit der Angst
vor dem Erbfeind Türkei, verhindert jede Analyse der Kriegsursachen.
Der Rassismus von UCK und serbischer Armee wird kaum proplematisiert ,
der übersteigerte Nationalismus beider Seiten wird als normaler
Patriotismus angesehen. "Logischerweise" können unterschiedliche
Ethnien nicht zusammenleben. Und da die Sympathien klar verteilt
sind, sollen sich die "Albaner" vom Acker machen.
Gerade mal das
Schlagwort "neue Weltordnung" taucht in den Flugblättern
auf. Aber dabei jedoch geht es nicht um die militärische Hegemonie
der hochentwickelten kapitalistischen
Staaten, sondern um den personifizierten Weltpolizisten Clinton.
Und der entscheidet über das Schicksal des Balkans und Griechenlands.
Im Gegensatz dazu erfreut sich das "leidgeprüfte serbische
Volk" breitester und undifferenzierter Unterstützung. Auch
die seit langem zum Straßenbild der Großstädte gehörenden Menschen
mit dem Pappschild "Ich bin Serbe - ich bitte um eine Spende",
verzeichnen gesteigerte Umsätze. Und das nicht nur aus sentimentalen
Gründen. Hier, wo Staat und Kirche bis heute nicht getrennt sind
(98,2% der GriechInnen sind christlich-orthodoxen
Glaubens) leidet man mit den Glaubensbrüdern und -schwestern in
Serbien.
Zum anderen richten
sich die "barbarischen NATO-Bombardierungen" gegen traditionelle
Verbündete. In beiden Balkankriegen kämpfte man siegreich zusammen.
1912 wurde das Osmanische Reich, ein Jahr später Bulgarien geschlagen.
Und nicht zuletzt entstanden in beiden Ländern zwischen 1941-45
starke Partisanenverbände, die einen verlustreichen Befreiungskampf
gegen die faschistische, deutsche Wehrmacht führten. Da außerdem
nach Meinung der meisten Helenen nur "feindliche Länder"
an Griechenland grenzen, wird die Identifizierung mit dem einzigen
befreundeten Land auf dem Balkan - Serbien - immer stärker.
So weigerten sich
am 18. April ein Matrose und ein Offizier "aus religiösen Gründen"
mit dem Kriegsschiff " Themistoklis "
in die Adria auszulaufen, und sich dort in die NATO-Flotte zu integrieren.
Als der Offizier am 21.4. zu zwei Jahren Knast auf drei Jahre Bewährung
verurteilt wurde, war die Empörung über "das harte Urteil"
groß. Keine Unterstützung erhielt dagegen der am 14.4. zu vier Jahren
Knast verurteilte Kriegsdienstverweigerer Lisaros
Petromelidis. Er sitzt wegen "Wehrdienstverweigerung
in Zeiten allgemeiner Mobilmachung" (gilt seit der Zypernkrise
1974), im Knast. Wo er nach Meinung der Mehrheit auch hingehört!
Droht doch von überall die "islamische Gefahr". Von Albanien
über die islamische Minderheit in Mazedonien (hier Skopie
genannt) und Bulgarien, bis zur Türkei spannt sich der feindliche
Bogen. Und die eigene türkische Minderheit in West-Thrakien
sammelt angeblich Gelder für die UCK.
Der Feind steht
also überall. So wundert es nicht, daß
sogar der Klassenkampf zurückstehen muß.
Am 2.4. riefen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände gemeinsam
zu zweistündigen Arbeitsniederlegungen aus Protest gegen die Bombardierungen
auf. Kapitalverträglich zwischen 13 und 15 Uhr. Die Klassenwidersprüche
sind aufgehoben, rechte und linke Parteien haben den selben Feind, die Kirche und die KKE rennen auf gemeinsame
Demonstrationen. Nur die Pasok-Regierung
bleibt auf NATO-Kurs, weil so am besten die "nationalen Interessen"
verteidigt werden können, wie Simitis
nicht müde wird zu betonen. Eine zumindest gewagte Annahme. Ziel
der Regierung ist doch vor allem die unveränderliche Festschreibung
der Grenzen auf dem Balkan. Daran hat sich in den letzten zehn Jahren
auch nichts geändert, was allerdings weder die von der BRD betriebene
Zerschlagung Jugoslawiens, noch den jetzigen Krieg verhindern konnte.
Sollte es nun auch zu einer Abspaltung des Kosovo kommen, könnte
dies eine generelle Diskussion über die Grenzen auf dem Balkan nach
sich ziehen. Und die entsprechen fast nie der ethnischen Zusammensetzung
der Länder. Bis "Großalbanien", "Großmazedonien"
oder türkischen Begehrlichkeiten in West-Thrakien
ist es dann nicht mehr weit, fürchtet man in Athen.
Trotzdem gehört
Simitis bisher eindeutig zu den Kriegsgewinnlern. Nach dem
Debakel mit Öcalan und harten innenpolitischen Auseinandersetzungen
lag die Pasok zu Beginn des Krieges mit bis zu 15% in der Gunst des
Wahlvolkes hinter Nea Dimokratia zurück.
Nach nunmehr fünf Wochen Krieg liegen die beiden großen Parteien
gleichauf bei ca. 30% und in der Pasok
redet man schon über den Wahlsieg bei den Europawahlen im Juni.
Es scheint also anzukommen, daß Simitis
sich zwar verbal vorsichtig von der NATO distanziert, im Endeffekt
aber doch alle Entscheidungen mitträgt.
Ein Verdienst der Regierung ist die eindeutige Benennung ethnischer
Säuberungen der jugoslawischen Armee und serbischer Paramilitärs
im Kosovo; Verbrechen, die innerhalb der Antikriegsbewegung nur
von AnarchistInnen benannt und verurteilt werden.
Fazit: Es ist sicherlich
erfreulich, daß eine Massenbewegung versucht
mit unterschiedlichsten Mitteln den Krieg zu beenden. Es ist außerdem
die positive Ausnahme, betrachtet man die eher lahmen Reaktionen
in anderen europäischen Ländern. Die theoretische Basis der Bewegung
jedoch - starker Nationalismus, der positive Bezug auf einheitliche
Religion, rassistisch begründete Ablehnung "der Albaner",
und plattester Antiamerikanismus - entzieht zukünftigen Kriegen
keineswegs den Nährboden. Im Gegenteil, der überwiegende Teil der
jetzigen Bewegung wäre wohl bereit in einen Glaubenskrieg gegen
"Türken und Albaner" zu ziehen.
Ralf Dreis ,
Thessaloniki
|