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analyse & kritik - Zeitung für
linke Debatte und Praxis / Nr. 443 / 26.10.2000
Die üblichen Verdächtigen
Griechenland:
Antiterrorismus-Kampf soll auf "internationales Niveau"
gehoben werden
Die
griechische Regierung steht unter internationalem Druck, vor der
Einführung des Euro 2002 und der Olympiade 2004 Erfolge in der Terrorismusbekämpfung
vorzuweisen. Geplant ist die Einführung eines griechischen "§129a"
und die verstärkte internationale polizeiliche Zusammenarbeit.
Während die Welt
auf Sydney blickte, liefen in Athen die Vorbereitungen für die Olympischen
Spiele 2004 auf Hochtouren. Griechenland ist in Verzug - das Internationale
Olympische Komitee mahnte unlängst eine Beschleunigung der Baumaßnahmen
an. Ein anderes Problem beschäftigt in diesem Zusammenhang Richard
Shelby , den Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses
im US-Senat: die chronische Erfolglosigkeit der griechischen Polizei
in der Terrorismusbekämpfung. "Ich bin sehr beunruhigt, weil
Griechenland nichts gegen diese Gruppen unternimmt", so der
US-Senators am 9. Juni diesen Jahres.
Zwei Tage zuvor
war ein General der britischen Luftwaffe in Athen Opfer eines Anschlags
geworden. Zwei Männer auf einem Motorrad hielten neben dem Auto
von General Stephen Saunders, feuerten vier Schüsse ab und fuhren
unbehelligt davon. Die Verantwortung für das Attentat übernahm die
linke Untergrundgruppe Revolutionäre Organisation 17. November.
"Saunders nahm an der Planung der barbarischen Bombardierung
Jugoslawiens teil und ist somit verantwortlich für die Ermordung
tausender Zivilisten, der Zerstörung der Wirtschaft und Infrastruktur
des Landes", erklärte die Gruppe einen Tag später in der zweitgrößten
Tageszeitung des Landes. ( Elefterotypya ,
8.6.2000)
USA
und EU:
Die "Freunde"
machen Druck
Die Gruppe 17.
November trat erstmals 1975 durch die Erschießung des Athener CIA-Chefs
in Erscheinung. Seitdem hat sie 24 griechische, türkische und us-amerikanische
Politiker, Diplomaten oder Militärs getötet. Regelmäßig feuert die
Gruppe auch Raketen ab, die sie aus einer griechischen Armeekaserne
entwendet hat - zuletzt am 16. Mai 1999 auf die Privatwohnung des
deutschen Botschafters. Ihr Name verweist auf die Wurzeln der Organisation
im Widerstand gegen die Militärdiktatur. Am 17. November 1973 hatten
hunderte StudentInnen das Athener Universitätsgelände
besetzt und damit das Ende der Diktatur der Offiziere eingeleitet,
die sich 1967 an die Macht geputscht hatten.
Für Hinweise auf
die Identität der Mitglieder des 17. November bietet die griechische
Polizei 5,8 Millionen DM, die Athener US-Botschaft gar 11 Millionen
DM. Trotzdem konnte bislang noch kein Mitglied der Gruppe gefasst
werden. Eine Tatsache, die immer wieder Anlass für Spekulationen
gab, wie sie auch in der Erklärung von Senator Shelby durchklangen. Eine Verbindung der Gruppe zur sozialdemokratischen
PASOK wurde vermutet: "Personen in der griechischen Regierung
kennen Mitglieder des 17. November", erklärte etwa der CIA-Chef
a.D. James Wollsey der griechischen
Wochenzeitung To Pontiki nach dem Anschlag
auf den britischen General. Der amerikanische Geheimdienst verortete
in seinem aktuellen Bericht an die US-Regierung Griechenland zusammen
mit Pakistan unter den Ländern, die "nicht vollständig gegen
den Terrorismus kooperieren". Die Aktivitäten der Untergrundgruppe
indes sind nicht angetan, diese These zu stützen: im März 1999 schlug
eine Rakete im Zentralbüro der PASOK ein. Die PASOK-Regierung
betreibe den Ausverkauf des Landes an die USA und die EU, so die
Begründung des 17. November.
Mit ihrem vehementen
Antiimperialismus und ebenso glühenden Patriotismus steht die Untergrundgruppe
nicht allein. In einer Meinungsumfrage bekundeten 1991 knapp 60%
der Befragten, hauptsächlich WählerInnen
der PASOK und der Kommunistischen Partei, Zustimmung zu den politischen
Zielen der Gruppe. Solche Sympathiebekundungen für die UntergrundkämpferInnen
sind allerdings deutlich zurückgegangen, seit 1994 bei einem Anschlag
erstmals ein Passant zu Tode kam. Dies änderte indes wenig an der
seit der us-amerikanischen Unterstützung der Militärjunta in der Bevölkerung
tiefsitzenden Ablehnung der USA: während
der Bombardierung Jugoslawiens beteiligten sich zehntausende an
Blockaden der NATO-Stützpunkte, die Transportarbeitergewerkschaft
sperrte griechische Schienenstrecken und Häfen für US-amerikanisches
Kriegsgerät. Als US-Präsident Clinton im November 1999 die - wie
er sagte - "traditionelle griechische Gastfreundschaft"
in Anspruch nehmen wollte, sahen sich die Sicherheitskräfte gezwungen,
den Präsidentenkonvoi durch Vororte zu geleiten, da die Innenstadt
von 20.000 DemonstrantInnen blockiert
war.
Damit soll jetzt
Schluss sein; so will es die Regierung, die das Land durch einen
radikalen Sozialabbau in die Euro-Zone katapultierte. Ein kürzlich
geschlossenes polizeiliches Abkommen mit den USA erlaubt es US-Antiterrorspezialisten ,
auf eigene Faust in Griechenland zu ermitteln. In Athen will man
außerdem Großbritannien für eine europäische Initiative gewinnen,
so Außenamtssprecher Panos Beglitis : "Der Terrorismus
ist kein lokales Problem. Wir müssen ihn auf EU-Ebene angehen."
Zunächst allerdings soll ein griechisches Antiterrorgesetz, vergleichbar
dem deutschen Paragrafen 129a, auf den Weg gebracht werden. 1991
hatte die damals konservative Regierung bereits einmal versucht,
ein solches Gesetz verabschieden zu lassen. Damals brachten die
großen Tageszeitungen, denen der Abdruck der Kommuniqués des 17.
November untersagt werden sollte, das Vorhaben zu Fall. Auch heute
ist das Gesetzesprojekt, dessen Text bislang geheim gehalten wird,
heftig umstritten. "Das Antiterrorgesetz wird die demokratischen
Rechte der Bürger außer Kraft setzen und die Strafprozessordnung
zum Nachteil des Volkes manipulieren", befürchtet Costas
Papadakis aus dem Vorstand der Anwaltskammer.
Kernstück des neuen
Gesetzes wird, so Papadakis , die Abschaffung
der SchöffInnen in politischen Verfahren sein. Die vier SchöffInnen hatten in mehreren Antiterrorverfahren die drei
BerufsrichterInnen überstimmt und die
Anklage abgewiesen. So war Giorgos Balafas ,
jahrelang als "Topterrorist" gehandelt, 1997 nach fünfjähriger
Untersuchungshaft in 20 Anklagepunkten freigesprochen worden. Sein
Name war nach Banküberfällen und Bombenanschlägen stets genannt
worden, seitdem er 1985 untergetaucht war. Damals war Balafas '
Cousin bei einem Schusswechsel zwischen Mitgliedern der Gruppe Kampf
gegen den Staat und der Polizei erschossen worden. Das Ergebnis:
von den 146 Bombenanschlägen und Schusswaffenattentaten seit 1975
ist nur eines "aufgeklärt" - und dies nur deshalb, weil
der Anarchist Nikos Maziotis nach seiner
Festnahme 1998 unumwunden erklärt hatte, er sei für einen Bombenanschlag
auf das Finanzministerium verantwortlich. Maziotis
wurde in erster Instanz zu 15 Jahren Haft verurteilt.
Griechenland
= Pakistan
In
Sachen 17. November hoffen die griechischen Ermittler nun auf deutsche
Unterstützung. Der griechische Innenminister erklärte noch kurz
vor dem letzten Anschlag, er sei in Besitz eines MfS-Dokuments,
das die Mitgliederstruktur des 17. November offen lege. Wahrscheinlich
handelt es sich dabei um ein Dossier, dass die us-amerikanische Botschaft der griechischen Polizei im März
2000 offiziell übergeben hat. Dort sind 60 griechische "Terrorismus-Verdächtige"
vermerkt, die - so schlugen die US-Diplomaten vor - einer DNS-Analyse
unterzogen werden sollen. Die Daten sollten dann mit Blutspuren
verglichen werden, das in einem Fluchtfahrzeug des 17. November
im letzten Jahr sicher gestellt werden
konnte. Die griechische Polizei allerdings hielt dieses Ansinnen
für "nicht verfassungskonform". Und die UntergrundkämpferInnen
höhnten, die Polizei könne anhand der Stasi-Liste ohnehin nur "einige
der üblichen Verdächtigen" verhaften.
Die
griechische Justiz gibt Schützenhilfe
Einer
davon steht nun seit dem 4. Oktober vor Gericht. Abraham Lesperoglou ,
neben Giorgos Balafas
der zweite prominente "Topterrorist" Griechenlands. Ähnlich
wie Balafas hatte sich der 48-jährige Lesperoglou
seit einer Schießerei im Jahr 1982 auf der Flucht befunden, bis
er im Dezember 1999 bei der Einreise auf dem Athener Flughafen verhaftet
wurde. Während Lesperoglou in Athen als Mitglied der Gruppe Kampf gegen den
Staat Polizisten und Staatsanwälte erschossen haben soll, arbeitete
er in den Niederlanden auf dem Bau - das bestätigen zumindest Beamte
der Kommunalverwaltung, ein Bauunternehmer und FreundInnen ,
die mit Lesperoglous holländischer Ehefrau
aus den Niederlanden gekommen sind, um als EntlastungszeugInnen
aufzutreten. "18 Jahre lang hat die Polizei meinen Namen mit
dem bewaffneten Kampf in Griechenland in Verbindung gebracht, weil
sie keine wirklichen Spuren hatten", meint der Angeklagte selbst,
"und sie brauchen heute mehr denn je Schuldige, um das Antiterrorgesetz
politisch zu verkaufen."
Vierzig UniversitätsprofessorInnen ,
Abgeordnete und JournalistInnen haben
sich in diesem Prozess der Verteidigung als sachverständige Zeugen
zur Verfügung gestellt, um genau diese These zu stützen. Für den
Prozess sind mehrere Monate veranschlagt. Die Polizei nahm unterdessen
medienträchtig noch einmal Giorgos Balafas
fest. Er hatte ein Solidaritätsplakat für Lesperoglou geklebt. " Lesperoglou
und Balafas - die üblichen Verdächtigen",
resümierte Nikos Janopoulos , der Sprecher
des von linken Gruppen gegründeten Solidaritätskomitees in Anspielung
auf die berühmte Schlussszene des Films "Casablanca".
H.P. Kartenberg , (Libertad!)
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