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"Der Bildungsetat muß dringend erhöht werden"

In Griechenland bleiben Schulen geschlossen, Lehrer gehen auf die Straße. Sie protestieren gegen die Privatisierung des Bildungssystems. Ein Gespräch mit Pavlos Antonopoulos (er ist für die griechische Lehrergewerkschaft im Vorstand des Gewerkschaftsdachverbandes der Arbeiter und Angestellten im öffentlichen Dienst)

junge Welt vom 11.11.2005, Interview: Heike Schrader

F: Gestern und heute bleiben in Griechenland die Schulen geschlossen und die Lehrer gehen auf die Straße. Was sind Ihre Forderungen?

Unsere dringlichste Forderung ist die Erhöhung des Bildungsetats. In vielen Schulen fehlt es an grundlegenen Einrichtungen. Hier in Athen gibt es eine Schule, deren Schulhof auf dem Dach einer Tankstelle liegt. Andere Schulen haben unterirdische Klassenzimmer. Viele Schulen arbeiten in einem Zweischichtsystem. Ein Teil der Schüler kommt morgens zum Unterricht und für einen anderen Teil beginnt die Schule am Nachmittag - ganz einfach deswegen, weil die nötigen Räume fehlen.

Außerdem streben wir die Erhöhung der Lehrergehälter von jetzt 1 100 auf 1 400 Euro netto im Monat an. Wir wehren wir uns auch gegen die geplante Wiedereinführung der Bewertung der Lehrer durch ein staatliches Gremium. Diese 1981 von der sozialdemokratischen Partei PASOK abgeschaffte Beurteilung hat zu Disziplinarmaßnahmen gegen Lehrer geführt, die ihren Schülern beispielsweise die Lektüre von Büchern ans Herz gelegt haben, die dem konservativen Bildungsministerium nicht paßten. Wir fürchten, daß gesellschaftliches Engagement bei Lehrern wieder bestraft werden soll. Wichtigstes Argument gegen die Evaluierung ist aber ihre vorgesehene Rolle bei der Mittelvergabe an die einzelnen Schulen. Die ohnehin bestehende Benachteiligung etwa von Schulen mit einem hohen Anteil von Arbeiter- oder Bauernkindern würde verschärft, da die Beurteilungen ihrer Lehrer wahrscheinlich schlechter ausfallen. Zur Verbesserung der Qualität der Lehre schlagen wir dagegen die systematische Weiterbildung aktiver Lehrkräfte vor.

F: Gibt es nicht auch in Griechenland Bestrebungen, die Bildung zu privatisieren?

Die neoliberale Regierung der Nea Dimokratia versucht, die Aufgaben des Staates auf ein Minimum zu begrenzen. Aus den Ministerien ist immer wieder zu hören, daß man unter öffentlichen Aufgaben nur die Landesverteidigung, die Polizei und das Gerichtswesen versteht. Alles andere wird dem "weiteren Staatssektor" zugeordnet und zur Privatisierung freigegeben. Eine breite Koalition aus Lehrenden und Lernenden verteidigt dagegen die Forderung nach staatlicher und kostenloser Bildung für alle.

F: Wird nicht in Regierungskreisen die Zusammenarbeit mit privaten Investoren als Ausweg aus der Finanzkrise im Bildungswesen gepriesen?

Geplant ist die Beteiligung privater Investoren am Bildungswesen. So könnte beispielsweise eines der weitverbreiteten privaten Nachhilfeinstitute als Investor kostenpflichtige Nachhilfestunden im Anschluß an den Schulunterricht anbieten. Der Staat könnte sogar Teile des Unterrichts solchen Instituten überlassen. Oder eine Firma investiert unter der Bedingung in eine technische Schule, daß sie ihr künftiges Personal heranzieht. Das ist Ausbildung nach den Wünschen der Industrie. Bildung muß aber Allgemeinbildung bleiben, das kann nur durch ein staatlich finanziertes, für die Schüler kostenfreies Bildungswesen garantiert werden.

F: Schon in diesem Sommer hat es ständig Aktionen und Streiks an den Schulen gegeben ...

Die Versuche, Bildung zu privatisieren, sind keine Erfindung der im März letzten Jahres an die Regierung gewählten neoliberalen Nea Dimokratia. Die PASOK-Regierung hatte mit ihrer Bildungspolitik schon vor Jahren dazu die Grundsteine gelegt. Aber auch der Widerstand unter den Lehrern an den Schulen, den genauso betroffenen Professoren an den Hochschulen und vor allem der Schüler und Studierenden dauert seit Jahren an. Mit diesem Widerstand konnte die Verabschiedung so mancher Gesetze oder ihre Umsetzung verhindert oder zumindest verzögert werden. Und natürlich werden wir uns auch in Zukunft gegen die Abschaffung der staatlichen Bildung wehren.