"Wir sollen eigene Rechte beschneiden"
Griechische Regierung will Demonstrationen einschränken.
Immer häufiger Polizeigewalt. Ein Gespräch mit Dimitris Kaltsonis
* Dimitris Kaltsonis ist Sprecher des Demokratischen
Bündnisses für Freiheiten und Solidarität und Lektor für Staatsrechtstheorie
an der Athener Universität Panteion
Die griechische Regierung hat zum Dialog eingeladen.
Seit Mitte dieser Woche berät sie mit Interessierten über eine Änderung
des Demonstrationsrechtes. Was wird diskutiert?
Dieser sogenannte Dialog ist eine Provokation.
Die Regierung lädt die Vertreter der Massenbewegungen ein, um sich
mit ihnen auf die Einschränkung der Meinungsfreiheit und des Demonstrationsrechts
zu einigen. Wir sollen unsere eigenen Rechte beschneiden. Es geht
zum Beispiel darum, daß kleinere Demonstrationen, bis 500 Personen,
sich auf die Nutzung einer Fahrspur beschränken sollen. Demonstrationen
sollen zudem generell angemeldet werden. Eine solche Verpflichtung
gab es bisher in Griechenland nicht.
Begründet werden die geplanten Einschränkungen
mit Verkehrschaos und Einnahmeverlusten der Ladeninhaber durch
Demonstrationen. Ist da etwas dran?
Es ist absurd, das tägliche Verkehrschaos in Athen
Demonstranten anzulasten. Dafür sind im Grunde alle Regierungen
nach 1945 verantwortlich, die ein wildes Wachsen der Stadt ohne
jeden Bebauungsplan toleriert und den Individualverkehr gegenüber
dem öffentlichen Nahverkehr begünstigt haben. Selbst ein ehemaliger
Minister für öffentliche Ordnung der PASOK hat zugegeben, daß häufig
die Polizei durch ihre unverhältnismäßig weitläufigen Absperrungen
bei Protesten den Verkehr lahmlegt.
Daß während großer Demonstrationen weniger gekauft wird, mag sein.
Aber das ist doch nicht das eigentliche Problem. Wenn der Einzelhandel
geringere Umsätze erzielt, liegt das daran, daß die Menschen wegen
der volksfeindlichen Politik der Regierung weniger Geld zur Verfügung
haben. Die Ladenbesitzer sollten sich freuen, wenn beispielsweise
die Gewerkschaften für mehr Lohn und besseren Lebensstandard auf
die Straße gehen.
Die linken Parteien KKE und Synaspismos aber auch
die sozialdemokratische PASOK nehmen am Dialog mit der Regierung
nicht teil. Diskutiert die Regierung der Nea Dimokratia mit sich
selbst?
Zustimmung findet die Regierung wie nicht anders
zu erwarten bei den Vertretern der rechtskonservativen Partei LAOS.
Bemerkenswert ist allerdings die Ablehnung der ehemaligen Regierungspartei
PASOK. Der Versuch, das Demonstrationsrecht einzuschränken, ist
nicht neu. PASOK hatte bereits vor Jahren einen ganz ähnlichen Gesetzentwurf
vorgelegt. Über ihn wurde aber aufgrund von Protesten nie abgestimmt.
Im Vorfeld großer Demonstrationen werden immer
häufiger junge Leute festgenommen. Außerdem mischen sich Polizeibeamte
in Zivil unter die Protestierenden. Sind das Einzelfälle?
Im Gegenteil. Diese Polizeitaktik wird bei Großdemonstrationen
häufig angewandt. Mit den Festnahmen im Vorfeld sollen Leute eingeschüchtert
und von der Teilnahme an Demonstrationen und Kundgebungen abgehalten
werden. Der häufige Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken hat
das gleiche Ziel. Auch der Einsatz von Undercover-Polizisten ist
keine Seltenheit. In den Medien wird immer wieder über Beamte berichtet,
die nicht nur in den Reihen der Demonstranten verdeckt ermitteln,
sondern als Provokateure selbst Straftaten begehen. Leider wird
diese Vorgehensweise politisch toleriert, wenn nicht sogar gefördert.
Nur fünf Prozent der gegen Polizisten eingeleiteten Untersuchungsverfahren
enden mit einer Strafe. Und diese reichte in der Regel von einer
Rüge bis zu einem Bußgeld von 60 Euro.
Ihr Bündnis hat vor dem Staatsgerichtshof ein Verfahren
angestrengt, um den Einsatz der für die Olympischen Spiele installierten
Überwachungskameras zu stoppen. Was ist daraus geworden?
Wir haben eine Reihe von Fakten zusammengetragen,
die zeigen, daß die Kameras, entgegen dem Beschluß der Datenschutzbehörde
nach wie vor zur Überwachung des öffentlichen Raumes und auch bei
Kundgebungen eingesetzt werden. Es geht nicht um Verkehrsbeobachtung,
wie die Polizei behauptet. Unter einem Vorwand wurde die für den
heutigen Freitag angesetzte Gerichtsverhandlung zum wiederholten
Male verschoben. Bis zu einer Entscheidung wird die Polizei fortfahren,
die Kameras einzusetzen, wie sie will.
Interview: Heike Schrader, Athen, jW 1.12.06
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