Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum in Athen 2006
MAIL
|
Konkret 07/75,
S. 28
Niels Kadritzke
Die Nato-Zone
Zypern
ist verwirrend: Es gibt dort griechische Faschisten, türkische Faschisten,
griechisch-zypriotische Faschisten, türkisch-zypriotische Faschisten,
türkisch-zypriotische Demokraten und griechisch-zypriotische Demokraten,
Flüchtlinge auf beiden Seiten, englische Basen und US-Interessen.
Niels Kadritzke war vor Ort und analysiert die Lage.
Obwohl gerade erst
ein Jahr seit dem griechischen Militärputsch gegen die Republik
Zypern und der darauffolgenden Invasion der türkischen Streitkräfte vergangen
ist, spielt das Zypern-Problem in den Schlagzeilen und Kommentarspalten
der internationalen Presse so gut wie keine Rolle mehr. Nicht nur,
weil es inzwischen aktuellere Konflikte gibt, sondern offenbar auch
aus Ratlosigkeit über eine bizarre Situation, die allem Anschein
nach von den Zyprioten selbst zu verantworten und politisch nicht
mehr aufzulösen ist.
Im Süden der Insel
können sich die abgehalfterten Putschisten weiterhin frei betätigen,
obwohl sie von der überwältigenden Mehrheit der griechischen Zyprioten
als Hochverräter verflucht werden. Ex-"Präsident" Sampson ,
eine Woche lang aller Welt als vollautomatische Marionette der Athener
Junta vorgeführt, fährt nach wie vor im Schutz seiner Leibwächter
durch Nicosia spazieren und ruft: Enosis
oder Tod - als sei nicht für viele seiner Landsleute die
Forderung nach Enosis , nach dem Anschluß
Zyperns an Griechenland, mit Tod oder zumindest mit dem Elend eines
Flüchtlingsschicksals gleichbedeutend geworden.
Im Norden der Insel
empfangen die arbeitslosen türkischen Zyprioten ihre Landsleute,
die aus dem Süden ins gelobte Türkenland gelangen, mit dem Gruß:
willkommen im neuen Sklavenstaat. Ihre Demonstrationen gegen die
elenden Lebensbedingungen werden von denselben Soldaten aufgelöst,
die das Gebiet angeblich für sie befreit haben.
Schlimmer noch:
In beiden Teilen Zyperns, im türkisch besetzten Norden wie im nunmehr
übervölkerten Süden stehen die Betroffenen ihrem Schicksal weitgehend
hilflos gegenüber, beherrscht von der dumpfen Empfindung, ohnmächtiges
Opfer unbeeinflußbarer weltpolitischer
Entwicklungen zu sein. Politische Selbsthilfe ist weder erwünscht
noch gestattet: Im Norden gilt jede Kritik an den neuen Verhältnissen
als antinationale Propaganda, im Süden wird es auf absehbare Zeit
keine Abrechnung mit den Putschisten im eigenen Lager geben, weil
die griechische Regierung beschlossen hat, keine Untersuchung über
den Staatsstreich gegen Makarios zuzulassen. Die auch von der griechischen
Opposition respektierte Begründung der Regierung Karamanlis: eine
solche Untersuchung könne sich Griechenland gegenwärtig aus innenpolitischen
wie aus Gründen der internationalen Politik nicht leisten.
Beide Gründe können
helfen, die Ereignisse politisch zu entschlüsseln, die nach dem
Willen der Athener Regierung weiter im Dunkeln bleiben sollen. Wenn
Karamanlis fürchten muß , die griechische Armee mit der vollen Wahrheit über das
Zypern-Abenteuer der Junta zu belasten und eventuell zu einem neuen
Putsch herauszufordern - und nur diese Furcht kann das Einverständnis
der griechischen Opposition erklären -, dann muß
die Armee durch diese Wahrheit im Mark ihrer "nationalen Ehre"
getroffen werden. Und wenn Karamanlis internationale Konsequenzen
befürchtet, die Griechenland angesichts seiner gespannten Beziehungen
zur Türkei nicht riskieren kann, müssen die Interessen derjenigen
ausländischen Macht im Spiel sein, die ganz unbestritten hinter
der griechischen Militärdiktatur gestanden hat und mit der sich
die neue Regierung in Athen wohl oder übel erneut zu arrangieren
versucht: den USA.
Wie hängt also
das letzte Gefecht der Athener Junta mit den amerikanischen Interessen
zusammen? Gibt es eine innere Logik in der Kette der Ereignisse
in und um Zypern? Oder ist die Entwicklung im östlichen Mittelmeer,
wie von der westlichen Presse immer noch behauptet, nur ein peinlicher
Betriebsunfall amerikanischer Außenpolitik, der darauf zurückzuführen
ist, daß Henry Kissinger, durch die dumme
Watergate-Geschichte von seinem Geschäft
abgehalten, die Aufsicht über die Südost-Flanke der NATO vernachlässigt
hat?
In der Tat fügen
sich die Entwicklungen seit dem letzten Sommer nur dann zu einem
stimmigen Bild zusammen, wenn man sich die politischen Interessen
und Ziele der USA im östlichen Mittelmeer und in Zypern klarmacht.
Diese Interessen haben sich seit der Unabhängigkeit der Insel im
Jahre 1960 kaum verändert, wohl aber erheblich verstärkt.
Der Verfasser des
"US Army Area Handbook for
Cyprus " hat die Ziele seiner Auftraggeber
mit ungeschützter Eindeutigkeit beschrieben: eine solide anti-kommunistische
und pro-westliche Ausrichtung der zypriotischen Regierung, um die
uneingeschränkte Nutzung der westlichen Abhör- und Radareinrichtungen
und der britischen Militärbasen durch jede westliche Macht
zu jedem politischen Zweck zu garantieren.
Zwischen 1964 und
1967 haben die USA diese Ziele immer wieder ganz offen über eine
Aufteilung der Insel zwischen den NATO-Ländern Griechenland und
Türkei verfolgt. Seitdem hat die militärstrategische Bedeutung Zyperns
für die Kopfmacht der NATO eher noch zugenommen. Nicht nur, weil
die anglo-amerikanischen Interessen seit
dem Rückzug der Engländer aus der Region "östlich von Suez"
nicht mehr ohne weiteres einheitlich sind, sondern vor allem, weil
sich der Nahe Osten zu einem akuten weltpolitischen Konfliktherd
entwickelt hat.
Spätestens im Nahost-Krieg
von 1973 hat sich gezeigt, daß die zypriotische
Regierung keinerlei Fremdnutzung der britischen Stützpunkte zugunsten
Israels zulassen würde. Die Möglichkeit einer neuen militärischen
Runde vor Augen und mit dem Gedanken an eine aktive militärische
Intervention für den Fall eines erneuten Öl-Embargos im Hinterkopf,
muß den Amerikanern ein für ihre eigene
Nahostpolitik verfügbares Zypern äußerst attraktiv erscheinen. Dies
gilt auch für den Fall einer nichtmilitärischen Lösung des arabisch-israelischen
Konflikts, die ganz sicher voraussetzt, daß Israel einen palästinensischen Staat an seiner Seite akzeptiert.
Dies aber erscheint, wenn überhaupt, nur denkbar unter einer eindeutigen
und militärisch glaubhaften amerikanischen Existenzgarantie, für
die Zypern die ideale logistische Basis abgeben kann.
Im Klartext: Dem
amerikanischen Interesse, die Spionage-Einrichtungen in Zypern abzusichern
und auszubauen und die militärischen Einrichtungen der Engländer
früher oder später zu übernehmen, stand in erster Linie die Haltung
der Regierung Makarios entgegen, die seit der Unabhängigkeit einen
zunehmend neutralen und antiimperialistischen außenpolitischen Kurs
eingeschlagen hat. Die Logik dieser Außenpolitik hat nicht nur die
Kündigung einer großen amerikanischen Abhör-Anlage erfordert, sondern
schien auch auszuschließen, daß die englischen
Basen einmal unter NATO-Kontrolle geraten.
Eine Außenpolitik,
die es mit der Unabhängigkeit der Inselrepublik ernst meinte, erforderte
aber auch eine realpolitische Absage an das traditionelle Ziel der
Enosis , das noch in den 60iger Jahren
das politische Denken der griechischen Zyprioten beherrscht und
als nationale Exklusiv-Doktrin das verständliche Mißtrauen der türkischen Zyprioten ausgelöst hat. Dieses Mißtrauen konnte auch in den seit 1969 aufgenommenen Verhandlungen
zwischen türkischen und griechischen Zyprioten nicht vollständig
abgebaut werden, weil die Politik von Makarios praktisch zwar gegen
Enosis gerichtet, aber von vielen verbalen Zugeständnissen
an die nationale Ideologie der Griechen begleitet war. In der Form
widersprüchlich, entsprach diese Umorientierung der griechisch-zypriotischen
Politik doch eindeutig den Lebensinteressen einer Gesellschaft,
die sich ökonomisch stabiler und stetiger entwickelt hatte als Griechenland,
und trug darüber hinaus der Tatsache Rechnung, daß
die große Mehrheit der Zyprioten weder der griechischen Junta noch
überhaupt der NATO unterstellt werden will.
Diese klare politische
Orientierung ging auch auf die wachsende Stärke der Linken zurück.
Die Kommunisten und Sozialisten bilden in Zypern den Kern einer
stabilen Massenbasis für die blockfreie Außenpolitik der Regierung
Makarios, eine Koalition, die die USA erst recht irritieren mußte.
Auch die Athener
Junta zielte mit ihrer Verschwörung gegen den "roten Popen"
letztlich auf die Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse
der Republik. Während sie sich bis 1971 auf wiederholte Versuche
beschränkt hatte, Makarios umzubringen, begann sie ab 1972 mit Hilfe
von General Grivas , dem Führer des Kampfes
gegen die Engländer, ihre kleine, aber entschlossene faschistische
Gefolgschaft vor Ort zu aktivieren - genau zu einer Zeit, da sich
in Zypern ein neuer Interessenausgleich zwischen griechischer und
türkischer Volksgruppe abzuzeichnen begann. Die bewaffneten Attacken
der EOKA-B gegen Makarios und seine Anhänger, denen sie Verrat am
Ziel der Enosis vorwarfen, verschärften
nicht nur die Spannungen unter den Inselgriechen, sie belebten auch
die Ambitionen der türkischzypriotischen Führung, das ganze Problem
doch noch durch die Teilung der Insel zu lösen; ein Ziel, das durch
die ursprüngliche Verfassung der Republik ebenso ausgeschlossen
war wie der Anschluß an Griechenland.
Die von der Athener
Junta gesteuerte Agitation der EOKA-B war für die griechischen Zyprioten
also eine Gefahr, deren Erkenntnis der Politik von Makarios immer
zugrunde gelegen hat: daß das Streben nach Enosis auf
der direkten Linie des NATO-Interesses zur Zerstörung der Republik
führen mußte. Denn der Anschluß Zyperns
an Griechenland erforderte entweder die Bereitschaft zu einer militärischen
Auseinandersetzung mit der Türkei, die nicht zu gewinnen war, oder
aber das freiwillige Zugeständnis eines türkischzypriotischen Separatstaates
und türkischer Militärbasen, lief also in jedem Fall auf die Teilung
der Insel hinaus.
Die Machtergreifung
der Junta in Nicosia konnte somit immer nur Prolog für die Teilung
Zyperns sein. Das heißt aber, daß die
Verantwortlichen in CIA und Pentagon, die dem Athener Regime grünes
Licht für ihr Zypern-Abenteuer gegeben haben, von Anfang an dieses
politische Ziel im Visier gehabt haben. Diese Erkenntnis liegt dem
abgrundtiefen Anti-Amerikanismus zugrunde, der heute in Zypern vorherrscht.
Sie ergibt sich nicht nur aus der Rolle, die der CIA als Schutzmacht
der Junta gespielt hat und aus der Tatsache, daß
die US-Botschaft in Nicosia die einzige war, die dem Sampson-Regime
ihre diplomatische Anerkennung zugesichert hat. Die Politik der
USA ist darüber hinaus ganz eindeutig an der Haltung der griechischen
Kommandeure der zypriotischen Nationalgarde abzulesen. Von diesen
hätte man erwartet, daß sie die Insel gegen die türkische Invasion verteidigen,
nachdem sie diese schon heraufbeschworen hatten. Das Gegenteil war
der Fall.
Was in Griechenland
nach wie vor einem strengen Tabu unterliegt, ist jedem griechischen
Zyprioten aus eigener Erfahrung bekannt: Die griechischen Offiziere
haben objektiv mit der türkischen Armee zusammengewirkt und damit
die Teilung der Insel aktiv unterstützt. Im Juli und August 1974
standen die Zyprioten praktisch unter dem Befehl aus Athen, die
türkische Invasion als bloße Flottendemonstration zu betrachten
und keinen Widerstand zu leisten. So konnten die türkischen Schiffe
anfangs unbehelligt Soldaten und Panzer an der Nordküste absetzen,
die türkischen Paras wie im Manöver auf
Nicosia niederschweben. Gegen die türkische Armee kämpften hauptsächlich
unorganisierte und führungslose Zyprioten, während ihre griechischen
Vorgesetzten vor allem damit beschäftigt waren, realistische Lageberichte
als Verbreitung unverantwortlicher Gerüchte zu unterbinden und die
Zivilbevölkerung mit phantastischen Lügen über die Erfolglosigkeit
der türkischen Operationen in Verwirrung zu stürzen.
Nur eine genaue
Untersuchung der Ereignisse könnte klären, ob die Athener Militärs
während der türkischen Invasion das Spiel der USA bewußt
mitgespielt haben, oder ob sie auf amerikanische Zusicherungen hereingefallen
sind, die Türken würden sich auf symbolische Aktionen beschränken.
Eine solche Untersuchung wird, wie gesagt, im Interesse der griechischen
Armee und der amerikanischen Außenpolitik nicht stattfinden. Fest
steht aber, daß die griechische Junta
und ihre amerikanischen Ratgeber auch im Felde exekutieren halfen,
was sie durch ihren Putsch schon provoziert hatten: die Zerstückelung
der Republik Zypern.
Die Kollaboration
der griechischen mit den türkischen Militärs hat sich nicht auf
Putsch und Invasion beschränkt. Da die türkische Minderheit (knapp
20 Prozent) seit jeher über die ganze Insel verstreut angesiedelt
war, erfordert eine Trennung von griechischen und türkischen Zyprioten
das, was die NATO-Planer immer unter dem schlichten Titel "Bevölkerungsaustausch"
diskutiert haben. Auch diesen Schlußakt einer Teilung, der für die Betroffenen zunächst
einmal den Verlust ihrer Heimat und Existenzgrundlage bedeutet,
ist in Zypern als griechisch-türkische Gemeinschaftsaktion abgelaufen.
Während nämlich die türkische Armee auf ihrem Vormarsch die griechischen
Einwohner nach Süden trieb, arbeiteten ihr die EOKA-Banden
und ihre militärischen Befehlshaber vom Süden her in die Hände.
Durch unprovozierte Überfälle auf türkische und gemischte Dörfer
veranlaßten sie viele türkische Zyprioten
zur Flucht nach dem "sicheren Norden". Tausende unbewaffneter
türkischer Landsleute machten sie völlig grundlos zu "Kriegsgefangenen",
um sie später im Austausch gegen griechische Gefangene ins türkisch
besetzte Gebiet zu entlassen - lange bevor die Engländer türkische
Zyprioten von ihren Basen nach Norden ausreisen ließen und damit
dem amerikanischen Interesse an der Vollendung dieser bevölkerungspolitischen
Roßkur entsprachen.
Zypern ist heute
geteilt, und zwar durch eine Grenze, die für die Insel keinen, für
die imperialistischen Interessen aber eindeutigen Sinn hat. Sie
entspricht seit langem vorliegenden NATO-Plänen und verschafft dabei
dem türkischen Sektor eine gemeinsame Grenze mit jener britischen
Basis Dhekelia , die die Briten demnächst
aufgeben wollen und die dann entweder den Türken oder gleich den
USA übergeben werden kann.
Was eine Teilung
der Insel demgegenüber für die Masse der Zyprioten bringt, deutet
das Flüchtlingselend an, das auf griechischer wie auf türkischer
Seite herrscht. Dieses Elend dokumentiert nicht nur vorübergehende
Härten einer chaotischen Umwälzung von Menschen, die an ihren neuen
Wohnorten im Wortsinne "deplazierte Personen" sind, weil sie
mit ihrer Heimat zugleich Haus und Hof, Handwerkszeug und Arbeitsplatz
verloren haben. Die Lage der Flüchtlinge stellt heute schon die
lebendige Prognose, daß beide Hälften
der Insel für sich nicht lebensfähig sind. Dies gilt auch für den
mit den viel größeren ökonomischen Ressourcen ausgestatteten Norden,
dessen Wirtschaft ohne türkisches Kapital nicht wieder in Gang gebracht
werden kann. Schon jetzt startet kein Unternehmen im Norden ohne
eine mindestens 50prozentige türkische Kapitalbeteiligung. Wenn
türkische und griechische Zyprioten in absehbarer Zeit nicht wieder
politisch zusammenfinden, wird der Norden Zyperns auf Dauer von
Ankara regiert, der Anschluß an die Türkei ein nicht mehr umkehrbarer ökonomischer
und sozialer Prozeß.
Die aktuelle türkische
Politik läuft auf eine schleichende Kolonisierung Zyperns hinaus
und knüpft damit an ottomanische Traditionen an, die man seit der
Zeit Atatürks überwunden geglaubt hatte. Wie zu Sultans Zeiten wird
jetzt den türkischen Soldaten, die Zypern erobert haben, mitsamt
ihren Familien das Recht verliehen, den türkischen Teilstaat zu
besiedeln - ein Recht, das in erster Linie von Offizieren wahrgenommen
wird, die sich einen stattlichen Privatbesitz zusammengerafft haben.
Die Teilung der
Insel ermöglicht also heute schon eine Kolonisierung ihres Nordens,
die im Ergebnis - ganz ähnlich wie in Palästina - die vertriebenen
Zyprioten durch fremde Siedler aus der Türkei ersetzen soll. Die
politische Führung der türkischen Zyprioten verkauft dieses Programm
ganz offen unter dem Titel der "Anatolisierung" und spricht
von der historisch gerechtfertigten Rückkehr Zyperns unter die traditionelle
türkische Herrschaft. In der Presse gipfelt diese offen expansionistische
Sprache in der Forderung, auf lange Sicht die ganze Insel zu besetzen,
und zwar nicht nur, um die noch im Süden lebenden türkischen Zyprioten
zu "befreien". Mit Inbrunst beruft man sich auch auf amerikanische
Stimmen, die die Eroberung von nur 40 Prozent der Insel als sehr
maßvoll und zugleich als notwendig bezeichnet haben, um den kommunistischen
Vormarsch in Zypern zu stoppen (so Admiral Miller, der Ex-Kommandeur
der amerikanischen Mittelmeer-Kriegsflotte).
Diese Einstellung
drückt ganz sicher nicht die Interessen und Gefühle der 120 000
türkischen Zyprioten aus. Sie dient vielmehr der ideologischen Rechtfertigung
der einheimischen Oligarchie, die unter dem Schutz der türkischen
Armee die Beute des Nordens mit frühkapitalistischer Hemmungslosigkeit
unter sich verteilt. So wurden die Häuser und Anwesen Kyrenias
in ihrer Mehrzahl den reichen Türken der nahen Hauptstadt als Sommerresidenzen
zugeteilt, während den Übersiedlern aus dem Süden oft nur leere
Behausungen blieben, aus denen nicht nur die eigentlichen Wertsachen,
sondern auch das notdürftigste Mobilar verschwunden ist. Ohne Arbeit und Einkommen stehen
diese Übersiedler einer enormen Preissteigerung gegenüber, die darauf
zurückzuführen ist, daß die türkischen
Geschäftsleute ihre eroberten Warenposten mit weit größerem Gewinn
in der Türkei oder per Schwarzhandel an die alten griechischen Besitzer
im Süden verkaufen.
Die türkisch-zypriotische
Oligarchie bereichert sich aber nicht nur an der ungleichen Verteilung
des Beutegutes, sondern auch unmittelbar auf Kosten der türkischen
Arbeiter: eine über Nacht angeordnete Neubewertung des zypriotischen
Pfundes gegenüber der türkischen Lira hat den rechtzeitig informierten
Freunden der Denktasch-Regierung einen Spekulationsgewinn von Millionen
eingebracht; eine Summe, die auf den Sparkonten der kleinen Leute
und bei den Versorgungskassen der Gewerkschaften und Berufsgenossenschaften
als Abwertungsverlust zu Buche schlägt.
Der türkische Separatstaat,
der dieses phantastische Ausmaß von Korruption organisiert, isé
aber alles andere als ein labiles Unternehmen. Seine politische
Führung, in jahrelanger terroristischer Unterdrückung der Linksopposition
im eigenen Lager geübt, hat die Situation mit Hilfe von 40 000 türkischen
Soldaten fest unter Kontrolle. Trotz zunehmender Proteste der Gewerkschaft
und der Intellektuellen-Organisationen kann sie der weiteren Entwicklung
relativ gelassen entgegensehen. Denn die Voraussetzung ihrer Wirksamkeit
ist, die fortdauernde Teilung. Ob sich diese Teilung mit dem Titel
einer Föderation oder Kon-Föderation verhüllen läßt , ist
dabei von ganz untergeordneter Bedeutung. Denn jede Zonen-Lösung,
die türkische und griechische Zyprioten in getrennte Gebiete verweist,
besiegelt nicht nur massenhaftes Flüchtlingsschicksal, sondern verhindert
auch ein erneutes Zusammenwachsen Zyperns und damit jede langfristige
einheitliche gesellschaftliche Entwicklung. Vor allem aber garantiert
die fortdauernde Teilung auf beiden Seiten die Wirkung chauvinistischer
Propaganda und unterbindet jeglichen Kontakt zwischen den Zyprioten
auf beiden Seiten, die aus der jüngsten Entwicklung gelernt haben,
die Fehler ihrer politischen Führung zu kritisieren und ihre eigenen
bornierten Vorurteile zu überwinden.
Gerade aufgrund
ihrer konkreten Erfahrungen haben heute mehr griechische und türkische
Zyprioten als je zuvor verstanden, daß
eine wirklich unabhängige und voll entmilitarisierte Republik mit
gleichen Rechten für jeden einzelnen die langfristig allein lebensfähige
Lösung des Zypern-Problems darstellen kann. Ob sie noch einmal eine
Chance haben werden, gemeinsam für dieses Ziel einzutreten, hängt
zunächst aber nicht von ihnen selber ab. Denn über das weitere Schicksal
ihres Landes wird auf einer Ebene internationaler Politik entschieden,
auf der die Betroffenen nicht mehr als ihr moralisches Gewicht zur
Geltung bringen können.
Die Bereitschaft
zu nachbarschaftlichem Zusammenleben ist auch nach einem Jahr Teilung
in Zypern selbst vorhanden. Viele der griechischen Flüchtlinge würden
auch unter türkischer Verwaltung in ihre Dörfer zurückkehren, wenn
sie nur unbehelligt ihrer Beschäftigung nachgehen könnten. Ganz
sicher würden auch viele Türken aus dem Norden in ihre Heimat im
Süden der Insel zurückkehren, wenn dort nicht immer noch die bewaffneten
Banden der EOKA-B tätig wären, die sie zur Flucht nach Norden veranlaßt
haben.
Auf beiden Seiten
stehen dieser immer noch natürlichen Tendenz zur Rückkehr bewaffnete
Mächte entgegen: die türkische Armee einerseits und die griechischen
Faschisten andererseits. Die einen beziehen ihre Panzer von der
NATO, die anderen verfügen seit der Rückkehr von Makarios wieder
über bemerkenswert viele Dollars. Ihre Wirkung zusammengenommen
mag einige Zeit ausreichen, den Zyprioten die Teilung ihres Landes
als politische "Lösung" aufzuzwingen.
Daß allerdings eine solche aufgezwungene Lösung nicht endgültig
sein muß , gilt auf lange Sicht für Zypern
so gut wie für Vietnam oder Palästina.
|