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Konkret 07/75, S. 28

Niels Kadritzke

Die Nato-Zone  

Zypern ist verwirrend: Es gibt dort griechische Faschisten, türkische Faschisten, griechisch-zypriotische Faschisten, türkisch-zypriotische Faschisten, türkisch-zypriotische Demokraten und griechisch-zypriotische Demokraten, Flüchtlinge auf beiden Seiten, englische Basen und US-Interessen. Niels Kadritzke war vor Ort und analysiert die Lage.

Obwohl gerade erst ein Jahr seit dem griechischen Militärputsch gegen die Republik Zypern und der darauffolgenden Invasion der türkischen Streitkräfte vergangen ist, spielt das Zypern-Problem in den Schlagzeilen und Kommentarspalten der internationalen Presse so gut wie keine Rolle mehr. Nicht nur, weil es inzwischen aktuellere Konflikte gibt, sondern offenbar auch aus Ratlosigkeit über eine bizarre Situation, die allem Anschein nach von den Zyprioten selbst zu verantworten und politisch nicht mehr aufzulösen ist.

Im Süden der Insel können sich die abgehalfterten Putschisten weiterhin frei betätigen, obwohl sie von der überwältigenden Mehrheit der griechischen Zyprioten als Hochverräter verflucht werden. Ex-"Präsident" Sampson , eine Woche lang aller Welt als vollautomatische Marionette der Athener Junta vorgeführt, fährt nach wie vor im Schutz seiner Leibwächter durch Nicosia spazieren und ruft: Enosis oder Tod - als sei nicht für viele seiner Landsleute die Forderung nach Enosis , nach dem Anschluß Zyperns an Griechenland, mit Tod oder zumindest mit dem Elend eines Flüchtlingsschicksals gleichbedeutend geworden.

Im Norden der Insel empfangen die arbeitslosen türkischen Zyprioten ihre Landsleute, die aus dem Süden ins gelobte Türkenland gelangen, mit dem Gruß: willkommen im neuen Sklavenstaat. Ihre Demonstrationen gegen die elenden Lebensbedingungen werden von denselben Soldaten aufgelöst, die das Gebiet angeblich für sie befreit haben.

Schlimmer noch: In beiden Teilen Zyperns, im türkisch besetzten Norden wie im nunmehr übervölkerten Süden stehen die Betroffenen ihrem Schicksal weitgehend hilflos gegenüber, beherrscht von der dumpfen Empfindung, ohnmächtiges Opfer unbeeinflußbarer weltpolitischer Entwicklungen zu sein. Politische Selbsthilfe ist weder erwünscht noch gestattet: Im Norden gilt jede Kritik an den neuen Verhältnissen als antinationale Propaganda, im Süden wird es auf absehbare Zeit keine Abrechnung mit den Putschisten im eigenen Lager geben, weil die griechische Regierung beschlossen hat, keine Untersuchung über den Staatsstreich gegen Makarios zuzulassen. Die auch von der griechischen Opposition respektierte Begründung der Regierung Karamanlis: eine solche Untersuchung könne sich Griechenland gegenwärtig aus innenpolitischen wie aus Gründen der internationalen Politik nicht leisten.

Beide Gründe können helfen, die Ereignisse politisch zu entschlüsseln, die nach dem Willen der Athener Regierung weiter im Dunkeln bleiben sollen. Wenn Karamanlis fürchten muß , die griechische Armee mit der vollen Wahrheit über das Zypern-Abenteuer der Junta zu belasten und eventuell zu einem neuen Putsch herauszufordern - und nur diese Furcht kann das Einverständnis der griechischen Opposition erklären -, dann muß die Armee durch diese Wahrheit im Mark ihrer "nationalen Ehre" getroffen werden. Und wenn Karamanlis internationale Konsequenzen befürchtet, die Griechenland angesichts seiner gespannten Beziehungen zur Türkei nicht riskieren kann, müssen die Interessen derjenigen ausländischen Macht im Spiel sein, die ganz unbestritten hinter der griechischen Militärdiktatur gestanden hat und mit der sich die neue Regierung in Athen wohl oder übel erneut zu arrangieren versucht: den USA.

Wie hängt also das letzte Gefecht der Athener Junta mit den amerikanischen Interessen zusammen? Gibt es eine innere Logik in der Kette der Ereignisse in und um Zypern? Oder ist die Entwicklung im östlichen Mittelmeer, wie von der westlichen Presse immer noch behauptet, nur ein peinlicher Betriebsunfall amerikanischer Außenpolitik, der darauf zurückzuführen ist, daß Henry Kissinger, durch die dumme Watergate-Geschichte von seinem Geschäft abgehalten, die Aufsicht über die Südost-Flanke der NATO vernachlässigt hat?

In der Tat fügen sich die Entwicklungen seit dem letzten Sommer nur dann zu einem stimmigen Bild zusammen, wenn man sich die politischen Interessen und Ziele der USA im östlichen Mittelmeer und in Zypern klarmacht. Diese Interessen haben sich seit der Unabhängigkeit der Insel im Jahre 1960 kaum verändert, wohl aber erheblich verstärkt.

Der Verfasser des "US Army Area Handbook for Cyprus " hat die Ziele seiner Auftraggeber mit ungeschützter Eindeutigkeit beschrieben: eine solide anti-kommunistische und pro-westliche Ausrichtung der zypriotischen Regierung, um die uneingeschränkte Nutzung der westlichen Abhör- und Radareinrichtungen und der britischen Militärbasen durch jede westliche Macht zu jedem politischen Zweck zu garantieren.

Zwischen 1964 und 1967 haben die USA diese Ziele immer wieder ganz offen über eine Aufteilung der Insel zwischen den NATO-Ländern Griechenland und Türkei verfolgt. Seitdem hat die militärstrategische Bedeutung Zyperns für die Kopfmacht der NATO eher noch zugenommen. Nicht nur, weil die anglo-amerikanischen Interessen seit dem Rückzug der Engländer aus der Region "östlich von Suez" nicht mehr ohne weiteres einheitlich sind, sondern vor allem, weil sich der Nahe Osten zu einem akuten weltpolitischen Konfliktherd entwickelt hat.

Spätestens im Nahost-Krieg von 1973 hat sich gezeigt, daß die zypriotische Regierung keinerlei Fremdnutzung der britischen Stützpunkte zugunsten Israels zulassen würde. Die Möglichkeit einer neuen militärischen Runde vor Augen und mit dem Gedanken an eine aktive militärische Intervention für den Fall eines erneuten Öl-Embargos im Hinterkopf, muß den Amerikanern ein für ihre eigene Nahostpolitik verfügbares Zypern äußerst attraktiv erscheinen. Dies gilt auch für den Fall einer nichtmilitärischen Lösung des arabisch-israelischen Konflikts, die ganz sicher voraussetzt, daß Israel einen palästinensischen Staat an seiner Seite akzeptiert. Dies aber erscheint, wenn überhaupt, nur denkbar unter einer eindeutigen und militärisch glaubhaften amerikanischen Existenzgarantie, für die Zypern die ideale logistische Basis abgeben kann.

Im Klartext: Dem amerikanischen Interesse, die Spionage-Einrichtungen in Zypern abzusichern und auszubauen und die militärischen Einrichtungen der Engländer früher oder später zu übernehmen, stand in erster Linie die Haltung der Regierung Makarios entgegen, die seit der Unabhängigkeit einen zunehmend neutralen und antiimperialistischen außenpolitischen Kurs eingeschlagen hat. Die Logik dieser Außenpolitik hat nicht nur die Kündigung einer großen amerikanischen Abhör-Anlage erfordert, sondern schien auch auszuschließen, daß die englischen Basen einmal unter NATO-Kontrolle geraten.

Eine Außenpolitik, die es mit der Unabhängigkeit der Inselrepublik ernst meinte, erforderte aber auch eine realpolitische Absage an das traditionelle Ziel der Enosis , das noch in den 60iger Jahren das politische Denken der griechischen Zyprioten beherrscht und als nationale Exklusiv-Doktrin das verständliche Mißtrauen der türkischen Zyprioten ausgelöst hat. Dieses Mißtrauen konnte auch in den seit 1969 aufgenommenen Verhandlungen zwischen türkischen und griechischen Zyprioten nicht vollständig abgebaut werden, weil die Politik von Makarios praktisch zwar gegen Enosis gerichtet, aber von vielen verbalen Zugeständnissen an die nationale Ideologie der Griechen begleitet war. In der Form widersprüchlich, entsprach diese Umorientierung der griechisch-zypriotischen Politik doch eindeutig den Lebensinteressen einer Gesellschaft, die sich ökonomisch stabiler und stetiger entwickelt hatte als Griechenland, und trug darüber hinaus der Tatsache Rechnung, daß die große Mehrheit der Zyprioten weder der griechischen Junta noch überhaupt der NATO unterstellt werden will.

Diese klare politische Orientierung ging auch auf die wachsende Stärke der Linken zurück. Die Kommunisten und Sozialisten bilden in Zypern den Kern einer stabilen Massenbasis für die blockfreie Außenpolitik der Regierung Makarios, eine Koalition, die die USA erst recht irritieren mußte.

Auch die Athener Junta zielte mit ihrer Verschwörung gegen den "roten Popen" letztlich auf die Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse der Republik. Während sie sich bis 1971 auf wiederholte Versuche beschränkt hatte, Makarios umzubringen, begann sie ab 1972 mit Hilfe von General Grivas , dem Führer des Kampfes gegen die Engländer, ihre kleine, aber entschlossene faschistische Gefolgschaft vor Ort zu aktivieren - genau zu einer Zeit, da sich in Zypern ein neuer Interessenausgleich zwischen griechischer und türkischer Volksgruppe abzuzeichnen begann. Die bewaffneten Attacken der EOKA-B gegen Makarios und seine Anhänger, denen sie Verrat am Ziel der Enosis vorwarfen, verschärften nicht nur die Spannungen unter den Inselgriechen, sie belebten auch die Ambitionen der türkischzypriotischen Führung, das ganze Problem doch noch durch die Teilung der Insel zu lösen; ein Ziel, das durch die ursprüngliche Verfassung der Republik ebenso ausgeschlossen war wie der Anschluß an Griechenland.

Die von der Athener Junta gesteuerte Agitation der EOKA-B war für die griechischen Zyprioten also eine Gefahr, deren Erkenntnis der Politik von Makarios immer zugrunde gelegen hat: daß das Streben nach Enosis auf der direkten Linie des NATO-Interesses zur Zerstörung der Republik führen mußte. Denn der Anschluß Zyperns an Griechenland erforderte entweder die Bereitschaft zu einer militärischen Auseinandersetzung mit der Türkei, die nicht zu gewinnen war, oder aber das freiwillige Zugeständnis eines türkischzypriotischen Separatstaates und türkischer Militärbasen, lief also in jedem Fall auf die Teilung der Insel hinaus.

Die Machtergreifung der Junta in Nicosia konnte somit immer nur Prolog für die Teilung Zyperns sein. Das heißt aber, daß die Verantwortlichen in CIA und Pentagon, die dem Athener Regime grünes Licht für ihr Zypern-Abenteuer gegeben haben, von Anfang an dieses politische Ziel im Visier gehabt haben. Diese Erkenntnis liegt dem abgrundtiefen Anti-Amerikanismus zugrunde, der heute in Zypern vorherrscht. Sie ergibt sich nicht nur aus der Rolle, die der CIA als Schutzmacht der Junta gespielt hat und aus der Tatsache, daß die US-Botschaft in Nicosia die einzige war, die dem Sampson-Regime ihre diplomatische Anerkennung zugesichert hat. Die Politik der USA ist darüber hinaus ganz eindeutig an der Haltung der griechischen Kommandeure der zypriotischen Nationalgarde abzulesen. Von diesen hätte man erwartet, daß sie die Insel gegen die türkische Invasion verteidigen, nachdem sie diese schon heraufbeschworen hatten. Das Gegenteil war der Fall.

Was in Griechenland nach wie vor einem strengen Tabu unterliegt, ist jedem griechischen Zyprioten aus eigener Erfahrung bekannt: Die griechischen Offiziere haben objektiv mit der türkischen Armee zusammengewirkt und damit die Teilung der Insel aktiv unterstützt. Im Juli und August 1974 standen die Zyprioten praktisch unter dem Befehl aus Athen, die türkische Invasion als bloße Flottendemonstration zu betrachten und keinen Widerstand zu leisten. So konnten die türkischen Schiffe anfangs unbehelligt Soldaten und Panzer an der Nordküste absetzen, die türkischen Paras wie im Manöver auf Nicosia niederschweben. Gegen die türkische Armee kämpften hauptsächlich unorganisierte und führungslose Zyprioten, während ihre griechischen Vorgesetzten vor allem damit beschäftigt waren, realistische Lageberichte als Verbreitung unverantwortlicher Gerüchte zu unterbinden und die Zivilbevölkerung mit phantastischen Lügen über die Erfolglosigkeit der türkischen Operationen in Verwirrung zu stürzen.

Nur eine genaue Untersuchung der Ereignisse könnte klären, ob die Athener Militärs während der türkischen Invasion das Spiel der USA bewußt mitgespielt haben, oder ob sie auf amerikanische Zusicherungen hereingefallen sind, die Türken würden sich auf symbolische Aktionen beschränken. Eine solche Untersuchung wird, wie gesagt, im Interesse der griechischen Armee und der amerikanischen Außenpolitik nicht stattfinden. Fest steht aber, daß die griechische Junta und ihre amerikanischen Ratgeber auch im Felde exekutieren halfen, was sie durch ihren Putsch schon provoziert hatten: die Zerstückelung der Republik Zypern.

Die Kollaboration der griechischen mit den türkischen Militärs hat sich nicht auf Putsch und Invasion beschränkt. Da die türkische Minderheit (knapp 20 Prozent) seit jeher über die ganze Insel verstreut angesiedelt war, erfordert eine Trennung von griechischen und türkischen Zyprioten das, was die NATO-Planer immer unter dem schlichten Titel "Bevölkerungsaustausch" diskutiert haben. Auch diesen Schlußakt einer Teilung, der für die Betroffenen zunächst einmal den Verlust ihrer Heimat und Existenzgrundlage bedeutet, ist in Zypern als griechisch-türkische Gemeinschaftsaktion abgelaufen. Während nämlich die türkische Armee auf ihrem Vormarsch die griechischen Einwohner nach Süden trieb, arbeiteten ihr die EOKA-Banden und ihre militärischen Befehlshaber vom Süden her in die Hände. Durch unprovozierte Überfälle auf türkische und gemischte Dörfer veranlaßten sie viele türkische Zyprioten zur Flucht nach dem "sicheren Norden". Tausende unbewaffneter türkischer Landsleute machten sie völlig grundlos zu "Kriegsgefangenen", um sie später im Austausch gegen griechische Gefangene ins türkisch besetzte Gebiet zu entlassen - lange bevor die Engländer türkische Zyprioten von ihren Basen nach Norden ausreisen ließen und damit dem amerikanischen Interesse an der Vollendung dieser bevölkerungspolitischen Roßkur entsprachen.

Zypern ist heute geteilt, und zwar durch eine Grenze, die für die Insel keinen, für die imperialistischen Interessen aber eindeutigen Sinn hat. Sie entspricht seit langem vorliegenden NATO-Plänen und verschafft dabei dem türkischen Sektor eine gemeinsame Grenze mit jener britischen Basis Dhekelia , die die Briten demnächst aufgeben wollen und die dann entweder den Türken oder gleich den USA übergeben werden kann.

Was eine Teilung der Insel demgegenüber für die Masse der Zyprioten bringt, deutet das Flüchtlingselend an, das auf griechischer wie auf türkischer Seite herrscht. Dieses Elend dokumentiert nicht nur vorübergehende Härten einer chaotischen Umwälzung von Menschen, die an ihren neuen Wohnorten im Wortsinne "deplazierte Personen" sind, weil sie mit ihrer Heimat zugleich Haus und Hof, Handwerkszeug und Arbeitsplatz verloren haben. Die Lage der Flüchtlinge stellt heute schon die lebendige Prognose, daß beide Hälften der Insel für sich nicht lebensfähig sind. Dies gilt auch für den mit den viel größeren ökonomischen Ressourcen ausgestatteten Norden, dessen Wirtschaft ohne türkisches Kapital nicht wieder in Gang gebracht werden kann. Schon jetzt startet kein Unternehmen im Norden ohne eine mindestens 50prozentige türkische Kapitalbeteiligung. Wenn türkische und griechische Zyprioten in absehbarer Zeit nicht wieder politisch zusammenfinden, wird der Norden Zyperns auf Dauer von Ankara regiert, der Anschluß an die Türkei ein nicht mehr umkehrbarer ökonomischer und sozialer Prozeß.

Die aktuelle türkische Politik läuft auf eine schleichende Kolonisierung Zyperns hinaus und knüpft damit an ottomanische Traditionen an, die man seit der Zeit Atatürks überwunden geglaubt hatte. Wie zu Sultans Zeiten wird jetzt den türkischen Soldaten, die Zypern erobert haben, mitsamt ihren Familien das Recht verliehen, den türkischen Teilstaat zu besiedeln - ein Recht, das in erster Linie von Offizieren wahrgenommen wird, die sich einen stattlichen Privatbesitz zusammengerafft haben.

Die Teilung der Insel ermöglicht also heute schon eine Kolonisierung ihres Nordens, die im Ergebnis - ganz ähnlich wie in Palästina - die vertriebenen Zyprioten durch fremde Siedler aus der Türkei ersetzen soll. Die politische Führung der türkischen Zyprioten verkauft dieses Programm ganz offen unter dem Titel der "Anatolisierung" und spricht von der historisch gerechtfertigten Rückkehr Zyperns unter die traditionelle türkische Herrschaft. In der Presse gipfelt diese offen expansionistische Sprache in der Forderung, auf lange Sicht die ganze Insel zu besetzen, und zwar nicht nur, um die noch im Süden lebenden türkischen Zyprioten zu "befreien". Mit Inbrunst beruft man sich auch auf amerikanische Stimmen, die die Eroberung von nur 40 Prozent der Insel als sehr maßvoll und zugleich als notwendig bezeichnet haben, um den kommunistischen Vormarsch in Zypern zu stoppen (so Admiral Miller, der Ex-Kommandeur der amerikanischen Mittelmeer-Kriegsflotte).

Diese Einstellung drückt ganz sicher nicht die Interessen und Gefühle der 120 000 türkischen Zyprioten aus. Sie dient vielmehr der ideologischen Rechtfertigung der einheimischen Oligarchie, die unter dem Schutz der türkischen Armee die Beute des Nordens mit frühkapitalistischer Hemmungslosigkeit unter sich verteilt. So wurden die Häuser und Anwesen Kyrenias in ihrer Mehrzahl den reichen Türken der nahen Hauptstadt als Sommerresidenzen zugeteilt, während den Übersiedlern aus dem Süden oft nur leere Behausungen blieben, aus denen nicht nur die eigentlichen Wertsachen, sondern auch das notdürftigste Mobilar verschwunden ist. Ohne Arbeit und Einkommen stehen diese Übersiedler einer enormen Preissteigerung gegenüber, die darauf zurückzuführen ist, daß die türkischen Geschäftsleute ihre eroberten Warenposten mit weit größerem Gewinn in der Türkei oder per Schwarzhandel an die alten griechischen Besitzer im Süden verkaufen.

Die türkisch-zypriotische Oligarchie bereichert sich aber nicht nur an der ungleichen Verteilung des Beutegutes, sondern auch unmittelbar auf Kosten der türkischen Arbeiter: eine über Nacht angeordnete Neubewertung des zypriotischen Pfundes gegenüber der türkischen Lira hat den rechtzeitig informierten Freunden der Denktasch-Regierung einen Spekulationsgewinn von Millionen eingebracht; eine Summe, die auf den Sparkonten der kleinen Leute und bei den Versorgungskassen der Gewerkschaften und Berufsgenossenschaften als Abwertungsverlust zu Buche schlägt.

Der türkische Separatstaat, der dieses phantastische Ausmaß von Korruption organisiert, isť aber alles andere als ein labiles Unternehmen. Seine politische Führung, in jahrelanger terroristischer Unterdrückung der Linksopposition im eigenen Lager geübt, hat die Situation mit Hilfe von 40 000 türkischen Soldaten fest unter Kontrolle. Trotz zunehmender Proteste der Gewerkschaft und der Intellektuellen-Organisationen kann sie der weiteren Entwicklung relativ gelassen entgegensehen. Denn die Voraussetzung ihrer Wirksamkeit ist, die fortdauernde Teilung. Ob sich diese Teilung mit dem Titel einer Föderation oder Kon-Föderation verhüllen läßt , ist dabei von ganz untergeordneter Bedeutung. Denn jede Zonen-Lösung, die türkische und griechische Zyprioten in getrennte Gebiete verweist, besiegelt nicht nur massenhaftes Flüchtlingsschicksal, sondern verhindert auch ein erneutes Zusammenwachsen Zyperns und damit jede langfristige einheitliche gesellschaftliche Entwicklung. Vor allem aber garantiert die fortdauernde Teilung auf beiden Seiten die Wirkung chauvinistischer Propaganda und unterbindet jeglichen Kontakt zwischen den Zyprioten auf beiden Seiten, die aus der jüngsten Entwicklung gelernt haben, die Fehler ihrer politischen Führung zu kritisieren und ihre eigenen bornierten Vorurteile zu überwinden.

Gerade aufgrund ihrer konkreten Erfahrungen haben heute mehr griechische und türkische Zyprioten als je zuvor verstanden, daß eine wirklich unabhängige und voll entmilitarisierte Republik mit gleichen Rechten für jeden einzelnen die langfristig allein lebensfähige Lösung des Zypern-Problems darstellen kann. Ob sie noch einmal eine Chance haben werden, gemeinsam für dieses Ziel einzutreten, hängt zunächst aber nicht von ihnen selber ab. Denn über das weitere Schicksal ihres Landes wird auf einer Ebene internationaler Politik entschieden, auf der die Betroffenen nicht mehr als ihr moralisches Gewicht zur Geltung bringen können.

Die Bereitschaft zu nachbarschaftlichem Zusammenleben ist auch nach einem Jahr Teilung in Zypern selbst vorhanden. Viele der griechischen Flüchtlinge würden auch unter türkischer Verwaltung in ihre Dörfer zurückkehren, wenn sie nur unbehelligt ihrer Beschäftigung nachgehen könnten. Ganz sicher würden auch viele Türken aus dem Norden in ihre Heimat im Süden der Insel zurückkehren, wenn dort nicht immer noch die bewaffneten Banden der EOKA-B tätig wären, die sie zur Flucht nach Norden veranlaßt haben.

Auf beiden Seiten stehen dieser immer noch natürlichen Tendenz zur Rückkehr bewaffnete Mächte entgegen: die türkische Armee einerseits und die griechischen Faschisten andererseits. Die einen beziehen ihre Panzer von der NATO, die anderen verfügen seit der Rückkehr von Makarios wieder über bemerkenswert viele Dollars. Ihre Wirkung zusammengenommen mag einige Zeit ausreichen, den Zyprioten die Teilung ihres Landes als politische "Lösung" aufzuzwingen.

Daß allerdings eine solche aufgezwungene Lösung nicht endgültig sein muß , gilt auf lange Sicht für Zypern so gut wie für Vietnam oder Palästina.