Veranstaltung am 5. November 2005

Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität
Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum
in Athen 2006


MAIL

Historischer Überblick bis 1974

Wir wollen an dieser Stelle nur einen kurzen historischen Überblick geben, um eine Basis zu schaffen auf der die weiteren Ereignisse und das Handeln der Guerilla in Griechenland erst eingeordnet werden können. Genauso wie wir von heute aus gesehen, die Aktionen und Erklärungen der deutschen bewaffneten Linken, ihr Verhältnis zur übrigen Linken und die Reaktion des Staates auf sie nicht begreifen können ohne die deutsche Vergangenheit zu analysieren, genauso wenig lassen sich die Aktionen und Erklärungen des 17N und des ELA verstehen ohne Wissen um ein politisches Klientelsystem, zwei reaktionäre bis faschistische Diktaturen, eine brutale Besatzung durch die deutsche Armee, den erfolgreichen Partisanenkampf dagegen, zwei  Bürgerkriegen und der geopolitischen Lage im Mittelmeer und den damit verbundenen Interessen.

Griechenland stand seit seiner Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich 1821 immer unter der Fuchtel von Schutzmächten (Russland, Frankreich, Großbritannien). Es wurde regiert von einem deutschen, durch die britische Regierung eingesetzten König, der in ihrem Interesse handelte. Es war ein Agrarland, dessen herrschende Klasse hauptsächlich aus einer GroßgrundbesitzerInnenschicht bestand, die ihre Macht über Klientelpolitik ausübte.

1936 etabliert Ioannis Metaxas mit Hilfe des Königs eine reaktionäre Diktatur in partieller Nachahmung des italienischen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus. Linke, Liberale und überhaupt Oppositionelle werden massenhaft auf Gefangeneninseln verschleppt und schwerer FOLTER unterzogen, Angehörige und Freunde werden mit Sippenhaft massiv drangsaliert. Dem kann man sich nur durch die Unterzeichnung von Reueerklärungen entziehen, in denen man seinen politischen Überzeugungen abschwört und dem Regime die Treue gelobt; diese Methoden werden auch von den späteren Diktaturen intensiv angewandt.

Die KP als größte oppositionelle Kraft versucht ihre Strukturen im Untergrund zu erhalten.

1940 wird Griechenland, nachdem Metaxas ein Ultimatum abgelehnt hat, von italienischen Truppen angegriffen. Dieser Angriff kann zurückgeschlagen werden, auch durch eine massive, spontane Beteiligung der Bevölkerung > dies ist das erste Mal, dass die faschistischen Armeen im 2. Weltkrieg eine Niederlage hinnehmen müssen, auch dadurch ist dieser 28. Oktober zum Nationalfeiertag und dem Symbol von Widerstand geworden

1941 kommt die deutsche Wehrmacht den Italienern zur Hilfe. Ihr gelingt es, Griechenland relativ schnell zu erobern (bis auf Kreta, wo erbitterter Widerstand geleistet wird).

Griechenland wird daraufhin in drei Zonen, zwischen den deutschen, bulgarischen und italienischen Truppen aufgeteilt und mit Hilfe einer Kollaborationsregierung kontrolliert.

Von Anfang an versuchen die Besatzer soviel Ressourcen wie möglich aus Griechenland rauszuholen, was zu schweren Hungersnöten und tausenden Toten führt.  

Die alte, rechte Regierung und der griechische König stellen sich unter den Schutz der Briten und gehen ins Exil nach London und Kairo.

relativ bald bildet sich ein breiter Widerstand in der Bevölkerung:

z.B. steigen zwei Studenten auf die Akropolis und reißen die Hakenkreuz-Fahne herunter

es gibt viele große Streiks, die teilweise brutal niedergeschlagen werden und verschiedene Widerstands-Organisationen werden gegründet:

die KP gründet die Nationale Befreiungsfront (EAM), die als Volksfront alle Schichten und Kräfte sammeln soll. Die KP selber ist die größte und stärkste Fraktion darin, es schließen sich aber auch republikanische, liberale und sozialistische Gruppen an

Die EAM gründet die Griechische Volksbefreiungsarmee, ELAS, die als PartisanInnenarmee in die Berge geht, um den Kampf gegen die Besatzung aufzunehmen.

Diese: die EAM und die Elas werden die entscheidenden militärischen und politischen Kräfte des Befreiungskampfes.

Außerdem entstehen noch verschiedene andere Widerstandsgruppen, die ihre eigenen PartisanInnen-Einheiten aufstellen:

der EDES (Nationaler Republikanischer Bund), der anfänglich eine Organisation mit halbsozialistischem Programm ist, wird später aber zum Sammelbecken der gr. Rechten

und die EKKA - Nationale und soziale Befreiung, die auch streng antikommunistisch ist

Das sind die drei größeren PartisannInengruppen, sie operieren in verschiedenen Gebieten. Die britischen Kontaktleute, die den PartisanInnengruppen Hilfe zukommen ließen, konzentrieren sich auf die bürgerlichen, antikommunistischen Gruppen.

Die Elas erhält sehr viel Hilfe aus der bäuerlichen Bevölkerung. Im von der ELAS befreiten Teil Griechenlands wird eine Selbstverwaltung aufgebaut, die erstmals ein verhältnismäßig freies selbst bestimmtes Zusammenleben ermöglicht und die patriachalen Verhältnisse aufbricht.

Um diese Aufstandsbewegung niederzuschlagen, reagieren die Besatzer mit massiven Vergeltungsmaßnahmen, wie Geiselnahmen, Konzentrationslager und brutalsten Massakern an der Einwohnerschaft ganzer Dörfer - Distomo und Kalavrita sind nur zwei Beispiele - werden in der Ausstellung, die draußen im Eingangsbereich hängt, auch noch mal genauer dargestellt. Die deutsche Regierung weigert sich nach wie vor, für diese Verbrechen Entschädigungen zu zahlen.

Nach der italienischen Kapitulation 1943 besetzt die deutsche Wehrmacht ganz Griechenland, womit die Verfolgung von Oppositionellen noch mal zunimmt und die Deportation und Vernichtung der jüdischen GriechInnen beginnt.

Im gleichen Zeitraum beginnt eine reorganisierte griechische Rechte und einige PartisanInnengruppen gemeinsam mit den den Deutschen, verstärkt gegen die EAM vorzugehen.

Mit einem erfolgreichen Vorrücken der roten Armee muss sich die Wehrmacht Ende 1944 aus Griechenland zurückziehen. Dabei hat die EAM die Möglichkeit, die Kontrolle über das ganze Land zu übernehmen. Ihre Volksfrontstrategie führt stattdessen zu einer Anbiederungspolitik gegenüber den Briten. Sie versucht über die Teilnahme an der so genannten Regierung der nationalen Einheit, ein "demokratisches Griechenland", in dem alle Klassen gleichermaßen repräsentiert werden, mitaufzubauen und gibt so nach und nach ihre Kontrollmöglichkeiten aus der Hand. Sie hofft dabei auf die Hilfe der SU. Stalin hat sich aber in einem Geheimabkommen mit dem britischen Premierminister Churchill über die Einflußspähren auf dem Balkan geeinigt und dabei Griechenland Großbritannien überlassen.

Die Briten haben kein Interesse an einem sozialistisch-demokratischen Griechenland, sondern daran, den kommunistischen Einfluss zurückzudrängen und stabile Strukturen aufzubauen, d.h. ihren eigenen Einfluss zu erhalten. Dabei setzen sie auf die reaktionären, rechten und faschistischen Kräfte. Um den Einfluss der EAM und der ELAS zurückzudrängen sind die Briten bereit, einen Bürgerkrieg zu führen und bereiten diesen auch vor.

Mitte Oktober 1944 befindet sich Athen nach dem (relativ ungestörten) Abzug der Wehrmacht unter britischer Kontrolle. Die griechische Exilregierung, die aus Rechten und Liberalen besteht und in der auch die EAM einige Ministerposten hat, übernimmt die Herrschaft, handelt aber nach Anleitung der britischen Regierung.

Der Streit um die Auflösung der PartinanInnenverbände und der rechten Exilarmee wird zur zentralen Frage zwischen Regierung und EAM und führt zum Austritt der EAM-Minister aus der Regierung.

Den bewussten Provokationen der britischen Militärkontrolle (Schüsse auf eine Demonstration zur Unterstützung der EAM mit Dutzenden Toten und der Wiederausrufung des Kriegsrechts) kann und will die auf Integration bedachte EAM-Führung nichts entgegensetzen.

Im Vertrag von Varkiza,  im Februar 1945 verpflichtet sich die EAM zur Demobilisierung der ELAS und zur Übergabe der Waffen, die Regierung verpflichtet sich dafür zur Einhaltung demokratischer Grundrecht und der Säuberung von Verwaltung, Armee und Polizei, sie erkennt EAM und KP als legale Organisationen an, verweigert ihnen aber die Regierungsbeteiligung. Es gibt eine Amnestie, die aber nur für "politische Vergehen" gilt.

Der nun verstärkt einsetzende rechte Terror kostet allein im folgenden Jahr 1200 Linke das Leben, die zunehmende Strafverfolgung bringt 85.000 Menschen in die Gefängnisse

zusätzlich wird im Juni 1946 ein Notstandsgesetz verabschiedet, das die  Todesstrafe für Delikte, die "die Sicherheit des Staates gefährden" vorsieht und Streiks und Demonstrationen verbietet. Wieder werden Linke auf die Inseln deportiert oder hingerichtet.

Angesichts der massiven Repression baut die KP erneut PartisanInnenverbände auf und ein  Bürgerkrieg beginnt.

Die USA, die mit der Truman-Doktrin im März 1947 Großbritannien als "Schutzmacht" Griechenlands ablösen, unternehmen das ihre, um die Herrschaft der lokalen Eliten im gesamten mittleren Osten zu sichern: in den Bergen wird Napalm eingesetzt, Armee und Nationalgarde massiv aufgerüstet, EAM und KP werden verboten.

Am 9. Oktober 1949 beschließt die KP nach drei Jahren die Einstellung der Kämpfe, die verbliebenen PartisanInnen fliehen in verschiedene Staaten des Ostblocks.

Die Rechten haben also gewonnen. Sie binden das Land immer enger in internationale Bündnisse ein, 1952 wird es Mitglied der NATO, dessen wichtige Südostflanke es bildet. 1961 wird ein Assoziationsvertrag mit der EWG abgeschlossen.

Seine wirtschaftliche Situation ist von sehr hohen Verbrauchssteuern (also für die 'normalen Leute') bei gleichzeitig hohen Ausgaben für Rüstung und Verwaltung und massiven Subventionen für in- und ausländische Firmen bei steigender Auslandsverschuldung und Inflation gekennzeichnet. Die Gewinnakkumulation der herrschenden Schicht der nationalen Bourgeoisie ist eng mit den Interessen ausländischer Konzerne und Regierungen verwoben.

Die Rechte fürchtet durchein Wiedererstarken der Linken ab Anfang der 60er Jahre, das sich in Wahlsiegen und einer Massenbewegung für Demokratie und höhere Löhne, Streiks und der Gründung unabhängiger Gewerkschaften ausdrückt, um ihrer Dominanz.

Daher putscht im April 1967 eine Gruppe von Generälen mit Unterstützung des CIA und des Königs.

allein in der ersten Nacht werden über 9.000 Menschen verhaftet, der Belagerungszustand wird ausgerufen, Teile der Verfassung außer Kraft gesetzt und Anordnungen aus der Zeit der Nazi-Okkupation wieder eingesetzt,

Insgesamt werden zwischen 1967 und 1974, dem Ende der Militärdiktatur, zwischen 80.000 und 150.000 Menschen aus politischen Gründen verhaftet

Folter, sowohl körperliche als auch seelische ist üblich und äußerst brutal, die Bedrohung und Verfolgung von Angehörigen, der die Verfolgten wiederum nur mit der Unterzeichnung von Reueerklärungen entkommen können an der Tagesordnung

Die Wirtschaftspolitik verändert sich unter der Junta nicht essentiell, die Subventionen für große (aus- wie inländische) Konzerne steigen sowie die Militärausgaben. Dabei ist die militärische Unterstützung durch die BRD die zweitstärkste nach den USA

der Widerstand:

zwar ist die Linke nicht auf den Putsch vorbereitet und durch die schnellen Massenverhaftungen paralysiert, es gründen sich aber bald verschiedene Widerstandorganisationen

in der Anfangszeit der Junta äußert sich der Protest hauptsächlich durch Großdemonstration anlässlich der Beerdigung des Politikers Giorgos Papandreou und des Schriftstellers Georgios Seferis

das Attentat von Alekos Panagoulis auf den Juntaführer Papadopoulos ist eine herausragende Aktion des militanten Widerstandes, Anschläge auf kleiner Ziele sind jedoch häufig  

ab November 1972 gibt es Demonstrationen vor allem der StudentInnen, im November 73 wird das Polytechnikon in Athen besetzt, SchülerInnen der Mittelschulen und Bauarbeiter streiken, das Polytechnikum mit einem eigenen Radio-Sender wird zum Zentrum der Versammlungen und Kämpfe, unterstützt werden diese Kämpfe durch Massendemonstrationen in West-Europa gegen die Junta, die zur Destabilisierung des Ansehens des Regimes beitragen

Nach der brutalen Räumung des Polytechnikon am 17. November, dessen 23. Jahrestags wir am 17. November gedenken, ebbte die anti-diktatorische Bewegung zwar ab und die rechtesten Teile der Junta übernehmen vorübergehend die Macht.

Zu der Umwandlung in eine parlamentarische Demokratie, die die Militärs ein halbes Jahr später einleiten, trägt die Revolte aber genauso bei, wie die

Zypernkrise (Zypern ist unabhängig und sowohl von Türken als auch von Griechen bewohnt. Da die Regierung relativ links war und gegen die auf der Insel stationierten Militärbasen agitierte, versuchten verschiedene Nato-Kräfte, vor allem Großbritannien und die US-Regierung, diese zu entmachten. Ein Staatsstreich der griechischen Junta-Armee misslingt, daraufhin besetzt die Türkei 40% der Insel und garantiert in der Folge die Existenz der Basen.)

Die damit schwindende internationale Unterstützung für die Junta führte zur Rückkehr von Karamanlis, der vor der Militärdiktatur eine rechte Regierung geleitet hatte, aus dem Exil. Er bildet eine "Regierung der nationalen Einheit", die einen "Demokratisierungsprozess" einleiten soll. Die am symbolträchtigen 17. November 1974 durchgeführte Parlamentswahl gewinnt die von ihm neu gegründete Nea Dimokratia mit der Drohung: "Karamanlis oder die Panzer"

In der Folge gibt es zwar Prozesse gegen einige Mitglieder der Junta, gegen Folterer und Armeeangehörige, dies betraf jedoch nur wenige und sie erhielten auch angesichts der Schwere ihrer Taten geringe Strafen. Weder Armee noch Polizei wurden gesäubert, es blieben rechte Strukturen.

Die militanten Kämpfe der linken und undogmatischen Gruppen gegen die Militärdiktatur sind die Grundlage für das Entstehen der heutigen großen und radikalen linken und anarchistischen Bewegung in Griechenland.

Militanz und Bewaffnung sind im Unterschied zur deutschen Linken integraler Bestandteil der politischen Kultur der außerparlamentarischen Linken und auch im Bewußtsein der griechischen Bevölkerung vorhanden.