Veranstaltung am 5. November 2005

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Redebeitrag von Dimitris Koufondinas

(voraufgezeichnetes Telefoninterview)

Genossinnen und Genossen,

ich würde es nicht für ehrlich noch nützlich halten, wenn ich an Euch nur eine einfache Grußadresse richten würden, die sich auf Allgemeinheiten und Parolen beschränkte.

Die Erfahrung der revolutionären Organisation 17. November gehört mittlerweile zur Geschichte der Bewegung. Dorthin gehört auch die Einschätzung individueller Standpunkte und die Bewertung von bestimmten Verhaltensweisen gegenüber der Staatsmacht. Denn der Schlag gegen eine Organisation durch den Staat, also etwas, was mit gewisser Wahrscheinlichkeit eintritt, ist eine Sache; eine andere Sache ist die persönliche Niederlage, der Kniefall und noch schlimmer die Akzeptanz der Werte des Klassengegners. Der Revolutionär, das Mitglied einer bewaffneten Organisation, weiß, dass er nicht an einem Festumzug teilnimmt, sondern an vorderster Front des Klassenkampfes steht. Und wenn seine Organisation Schlägen ausgesetzt ist, ist er verpflichtet, den Kampf fortzusetzen, indem er die Einrichtungen der Sicherheitspolizei, das Gefängnis und das Gericht zu Schützengräben des nunmehr politischen Kampfes macht, um die Überlegenheit der Werte der revolutionären Linken aufzuzeigen.

Soweit es das Gericht betrifft, beginnt in wenigen Tagen in unserem Fall der Prozess zweiter Instanz. Weil auf der Anklagebank auch Menschen sitzen, die mit der Organisation und den Anklagen, die gegen sie erhoben werden, nichts zu tun haben, ist auch der juristische Kampf wichtig. Vorrangig ist jedoch der politische Kampf.

Gleichwohl können wir nicht von einem gerechten Verfahren sprechen, einem Verfahren, das zusammenhängt mit der zugespitztesten Konfrontation zwischen Kapital und Arbeit. Der Staat hat im übrigen vorgesorgt mit einer Reihe von Sondergesetzen, einer Sonderbesetzung des Gerichts, mit der er den besonderen Rahmen bestimmt, der für das Verfahren in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen der staatlichen Macht gilt.

Wir können als Revolutionäre auch nicht über Unschuld oder Schuld sprechen. Im Klassenkampf gibt es keine Schuldigen oder Unschuldigen. Die sozialen Kämpfe sind nicht unschuldig oder schuldig, sie sind gerecht.

Der 17. November, eine antiimperialistische antikapitalistische Organisation der revolutionären Linken, war - wie schon ihr Name sagt - zutiefst verbunden mit der griechischen Wirklichkeit, der Geschichte, der Erinnerung und den kämpferischen Traditionen des griechischen Volkes. Deshalb erreichte sie mit ihrem Kampf, einem Teil dieses Volkes Ausdruck zu verleihen.

Der 17. November begann als eine Organisation bewaffneter Propaganda, als ein erstes Stadium des Projekts des Guerillakampfes, indem sie an dem langandauernden revolutionären Prozess der Konstruktion des bewaffneten Volkes und der Emanzipation der Gesellschaft teilnehmen und ihn befördern wollte.

Er begannt zu einer Zeit, wo der historische Kreis des Projekts der dritten Internationale sich schloss und in der ganzen Welt die Erfahrungen der Guerillakämpfe in den Bergen und in den Städten aufblühten. Er wollte die bewaffnete Seite der Revolution zur Geltung bringen, und zwar mit unmittelbarer Aktion jetzt. Dies ist die zentrale Frage, die die revolutionäre von der reformistischen Linken unterscheidet.

Unser Kampf brachte nicht die Früchte, die wir erwarteten. Von dem Kreis dieser bestimmten Stadtguerillakämpfe, der sich jetzt geschlossen hat, muss die revolutionäre Bewegung , soweit sie sich für ihre Selbsterkenntnis und ihre Zukunftsaussichten interessiert, ihre Schlussfolgerungen ziehen, um das neue revolutionäre Subjekt in der modernen Zeit zu schaffen, ein Subjekt, das nur in Richtung Konfrontation gehen kann und nicht bestimmt wird von den jeweiligen Grenzen der bürgerlichen Legalität.

Genossinnen und Genossen, die einzige Niederlage ist der Ruhestand; die einzige Hoffnung ist die Revolte. Damit sich die Sonne dreht, braucht es viel Arbeit, sagt einer unserer Dichter. Aber die Tiefe des Himmels ist rot.